{"id":118689,"date":"2026-10-14T15:18:21","date_gmt":"2026-10-14T13:18:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.joanneum.at\/?p=118689"},"modified":"2026-10-14T15:39:37","modified_gmt":"2026-10-14T13:39:37","slug":"balanceakt-wohlstand-wovon-leben-wir-2050","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.joanneum.at\/en\/balanceakt-wohlstand-wovon-leben-wir-2050\/","title":{"rendered":"Balanceakt Wohlstand: Wovon leben wir 2050?"},"content":{"rendered":"<p>Was macht eine Gesellschaft wohlhabend? Reichen Wirtschaftswachstum, Produktivit\u00e4t und Einkommen aus, um Wohlstand zu sichern? Und welche Rolle spielen soziale Absicherung, gesellschaftlicher Zusammenhalt und pers\u00f6nliche Lebensqualit\u00e4t? Diese Fragen standen am 13. Oktober beim ersten \u201eBalanceakt Wohlstand \u2013 Wovon leben wir 2050?\u201c im Minoritenzentrum Graz im Mittelpunkt. Die von JOANNEUM RESEARCH, der Katholischen Kirche Steiermark, der Universit\u00e4t Graz\/Wegener Center und der Arbeiterkammer Steiermark organisierte Veranstaltung unter der Moderation von Shenja Paar, Caritas Steiermark, beleuchtete die wirtschaftlichen, sozialen und ethischen Grundlagen unseres k\u00fcnftigen Wohlstands.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eEine Gesellschaft sichert ihren Wohlstand nicht allein dadurch, dass sie mehr erwirtschaftet, sondern auch dadurch, dass sie gemeinsam handlungsf\u00e4hig bleibt\u201c, betonte Lukas Grangl, Di\u00f6zesandirektor der Katholischen Kirche Steiermark, zur Er\u00f6ffnung. Einkommen, Produktivit\u00e4t und Besch\u00e4ftigung seien wichtige Wohlstandsindikatoren, erz\u00e4hlten jedoch nicht die ganze Geschichte. Ebenso wesentlich seien Gesundheit, Bildung, soziale Sicherheit, gesellschaftliche Teilhabe, intakte nat\u00fcrliche Lebensgrundlagen und die Aussicht, dass ihre Anstrengungen einen Sinn haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Wohlstand zwischen Markt und Sozialstaat<\/strong><\/h3>\n<p>Franz Prettenthaler, Direktor von LIFE \u2013 Institut f\u00fcr Klima, Energiesysteme und Gesellschaft der JOANNEUM RESEARCH, beleuchtete die Bedeutung von Wohlstand und die Rolle des Wohlfahrtsstaates. \u201eDie relevanten W\u00fcnsche und Lebensziele des Einzelnen sind die, die z\u00e4hlen\u201c, erkl\u00e4rte er mit Blick auf die philosophischen Grundlagen der liberalen Wohlstandsgesellschaft. M\u00e4rkte und Wettbewerb tragen zur Schaffung von Wohlstand bei. Gleichzeitig brauche es einen Staat, der Marktversagen korrigiert, soziale Risiken absichert und faire Lebenschancen erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>Dabei verwies Prettenthaler auf die Grenzen individueller Entscheidungen: \u201eWir Menschen sind nicht sehr gut darin, Risiken gut einzusch\u00e4tzen. Und wenn wir keine verpflichtende Arbeitslosenversicherung h\u00e4tten, keine verpflichtende Pensionsversicherung, dann h\u00e4tten wir sehr viel Armut.\u201c Verpflichtende Sozialversicherungen und staatliche Schutzregelungen seien daher notwendig, um Menschen auch dann abzusichern, wenn sie Risiken untersch\u00e4tzen oder Fehlentscheidungen treffen.<\/p>\n<p>Mit Blick auf den wirtschaftlichen und \u00f6kologischen Wandel bis 2050 stellte Prettenthaler die Frage, wie Wohlstand langfristig gesichert und zugleich gerecht verteilt werden kann. Die Verteilungsgerechtigkeit wird auch im Mittelpunkt der Folgeveranstaltung am 2.2.2027 stehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>\u00d6sterreichs Wettbewerbsf\u00e4higkeit unter Druck<\/strong><\/h3>\n<p>Carmen Treml, \u00d6konomin bei Agenda Austria, verwies auf die wirtschaftlichen Herausforderungen \u00d6sterreichs. Mit einem Bruttoinlandsprodukt von rund 55.700 Euro pro Kopf z\u00e4hlt \u00d6sterreich zu den f\u00fcnf wohlhabendsten L\u00e4ndern der Europ\u00e4ischen Union. Allerdings stagnieren die reale Wirtschaftsleistung pro Kopf und die Produktivit\u00e4tsentwicklung. Auch die Unternehmensinvestitionen liegen unter dem Niveau von 2019. Gleichzeitig steigen die Sozialausgaben und die Verschuldung der Bundesl\u00e4nder, w\u00e4hrend die Bev\u00f6lkerung altert.<\/p>\n<p>Treml sieht vor allem bei der Abgabenbelastung und den Arbeitsanreizen Handlungsbedarf: \u201e\u00d6sterreich macht es zu unattraktiv, Wohlstand \u00fcberhaupt erst zu schaffen, weil Arbeit, Leistung und Investitionen zu stark besteuert werden. Die wichtigste Ressource einer Wohlstandsgesellschaft ist die Zuversicht, dass sich Anstrengung lohnt.\u201c Sie verwies auf die hohe Steuer- und Abgabenbelastung der Arbeit in \u00d6sterreich und pl\u00e4dierte f\u00fcr mehr Netto vom Brutto, effizientere Staatsausgaben sowie bessere Rahmenbedingungen f\u00fcr Investitionen und Innovationen. Ihr Appell: \u201eEin Umdenken muss her, um nicht weiter an Wettbewerbsf\u00e4higkeit zu verlieren.\u201c Ziel m\u00fcsse es sein, \u00d6sterreichs hohes Wohlstandsniveau langfristig zu erhalten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Sozialstaat muss vor Armut sch\u00fctzen<\/strong><\/h3>\n<p>Eine andere Perspektive brachte Philipp Suppan von der Arbeiterkammer Steiermark ein. Er stellte die Frage, ob der Wohlfahrtsstaat tats\u00e4chlich Wohlstand garantieren k\u00f6nne. Nach den pr\u00e4sentierten Daten waren 2025 in \u00d6sterreich rund 1,44 Millionen Menschen beziehungsweise 15,9 Prozent der Bev\u00f6lkerung armutsgef\u00e4hrdet. Rund 148.000 Menschen lebten in manifester Armut. Besonders betroffen seien Langzeitarbeitslose, Alleinerziehende und alleinlebende Pensionist*innen.<\/p>\n<p>Zwar k\u00f6nne das \u00f6sterreichische Pensionssystem nach einem durchgehenden Erwerbsleben den Lebensstandard weitgehend sichern. Sozialleistungen wie Arbeitslosengeld, Notstandshilfe oder Ausgleichszulage l\u00e4gen jedoch h\u00e4ufig unter der Armutsgef\u00e4hrdungsschwelle von 1.827 Euro netto monatlich, gerechnet auf zw\u00f6lf Monate. Suppans Schlussfolgerung: \u201eWenn der Wohlfahrtsstaat auch im Jahr 2050 Wohlstand wahren soll, dann muss er sich heute der Bek\u00e4mpfung von Armutsgef\u00e4hrdungspotenzialen widmen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Wohlstand bedeutet gemeinsam gut leben<\/strong><\/h3>\n<p>Pater Gerwig Romirer, Prior des Benediktinerstiftes St. Lambrecht, erweiterte die Diskussion um die spirituelle und gesellschaftliche Dimension des Wohlstands. Unter dem Titel \u201eDer Mensch lebt nicht vom Brot allein\u201c beschrieb er Wohlstand mit drei Worten: \u201eGemeinsam gut leben.\u201c Materielle Sicherheit sei eine wichtige Grundlage, f\u00fcr ein erf\u00fclltes Leben brauche es jedoch mehr. \u201eWas alles ist noch ein Lebensmittel f\u00fcr uns Menschen?\u201c, fragte Romirer und verwies auf die Bedeutung von Sinn, Gemeinschaft und pers\u00f6nlichen Werten.<\/p>\n<p>Aus der benediktinischen Tradition leitete er vier Grunds\u00e4tze f\u00fcr ein gutes Leben ab: Ma\u00df halten, Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden, einen Lebensrhythmus finden und achtsam sein. Besonders das Ma\u00dfhalten sei auch f\u00fcr die heutige Wohlstandsgesellschaft relevant: \u201eWas brauche ich wirklich? Was ist genug? Was ist zu viel?\u201c Romirer hinterfragte damit auch eine Wirtschaftsweise, die auf st\u00e4ndigem Wachstum beruht: \u201eWie gehen wir damit um, wenn etwas nur zu funktionieren scheint, wenn es immer mehr wird?\u201c<\/p>\n<p>Mit dem benediktinischen Leitgedanken \u201eBete und arbeite und lies\u201c (Ora et labora et lege) betonte er zudem, dass Arbeit, pers\u00f6nliche Entwicklung und Spiritualit\u00e4t keine voneinander getrennten Lebensbereiche seien. Vielmehr gehe es darum, diese Dimensionen in eine gute Balance zu bringen. Seinen Wunsch f\u00fcr 2050 formulierte Romirer so: \u201eEs w\u00e4re sch\u00f6n, wenn 2050 es gelungen ist, dass alle am gesellschaftlichen Leben Anteil nehmen k\u00f6nnen, so wie sie es gerne m\u00f6chten.\u201c<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h3><strong>Junge Generation fordert Perspektiven<\/strong><\/h3>\n<p>Wie sich Wohlstand im Alltag junger Menschen darstellt, verdeutlichte Andreas Paulitsch, Betriebsrat und Lehrlingsausbildner bei TDK Electronics in Deutschlandsberg. Sein pers\u00f6nliches Beispiel war der Wunsch nach einem Eigenheim, dessen Finanzierung mit einem durchschnittlichen Einkommen zunehmend schwierig werde. F\u00fcr ihn seien Ausbildung, sichere Arbeitspl\u00e4tze, faire Bezahlung und eine gesicherte Pension entscheidende Voraussetzungen, um auch 2050 gut leben zu k\u00f6nnen. Angesichts steigender Lebenshaltungskosten stelle sich f\u00fcr junge Besch\u00e4ftigte die Frage, welche Zukunftsperspektiven ihnen ihre Arbeit tats\u00e4chlich er\u00f6ffne.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Fazit: Wovon werden wir 2050 leben?<\/strong><\/h3>\n<p>Die Vortr\u00e4ge und die Diskussion machten deutlich, dass Wohlstand mehrere Voraussetzungen hat. Wirtschaftliche Leistungsf\u00e4higkeit, Produktivit\u00e4t und Erwerbsarbeit schaffen die materielle Grundlage. Soziale Sicherungssysteme sch\u00fctzen vor Lebensrisiken und Armut. Bildung, Gesundheit, gesellschaftliche Teilhabe und ein verantwortungsvoller Umgang mit nat\u00fcrlichen Ressourcen bestimmen mit, wie gut Menschen leben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wovon leben wir also 2050? Von unserer Arbeit, von Innovationen und einer leistungsf\u00e4higen Wirtschaft \u2013 aber ebenso von sozialer Sicherheit, gesellschaftlichem Zusammenhalt und intakten Lebensgrundlagen. Entscheidend wird sein, wie \u00d6sterreich den wirtschaftlichen und \u00f6kologischen Wandel bew\u00e4ltigt, Armut bek\u00e4mpft und auch k\u00fcnftigen Generationen ein selbstbestimmtes Leben erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Die Pr\u00e4sentationen<\/h3>\n<p><a href=\"https:\/\/www.joanneum.at\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Franz-Prettenthaler_Einleitung-Balanceakt-Wohlstand.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Einleitung | Franz Prettenthaler<\/a>, Direktor Institut LIFE, JOANNEUM RESEARCH<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.joanneum.at\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Pater-Gerwig_Balanceakt-Wohlstand-2026.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Der Mensch lebt nicht vom Brot allein | Pater Gerwig Romirer<\/a>, Katholische Kirche Steiermark<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.joanneum.at\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Philipp-Suppan_Wohlfahrtsstaat-und-Wohlstand.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wohlfahrtsstaat als Garant f\u00fcr Wohlstand | Philipp Suppan<\/a>, Arbeiterkammer Steiermark<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.joanneum.at\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Carmen-Treml_261013_Balanceakt_Wohlstand.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wie sichern wir den Wohlstand von morgen? | Carmen Treml<\/a>, Agenda Austria<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>\u00dcber \u201eBalanceakt\u201c <\/strong><\/h3>\n<p>Das Diskussionsformat von JOANNEUM RESEARCH, der Katholischen Kirche Steiermark, der Universit\u00e4t Graz\/Wegener Center und der Arbeiterkammer Steiermark widmet sich nach vier Veranstaltungen zum Thema <a href=\"https:\/\/www.joanneum.at\/en\/klimawandel-co%e2%82%82-zertifikate-als-geschaeftsmodell\/\">Balanceakt CO\u2082<\/a> nun der Frage nach den Grundlagen und der Zukunft unseres Wohlstands.<\/p>\n<p>Die Veranstaltungsreihe \u201eBalanceakt Wohlstand\u201c setzt den Dialog \u00fcber die Zukunft unserer Wohlstandsgesellschaft fort. Im n\u00e4chsten Teil steht insbesondere die Frage der Verteilungsgerechtigkeit im Mittelpunkt.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was macht eine Gesellschaft wohlhabend? Reichen Wirtschaftswachstum, Produktivit\u00e4t und Einkommen aus, um Wohlstand zu sichern? Und welche Rolle spielen soziale Absicherung, gesellschaftlicher Zusammenhalt und pers\u00f6nliche Lebensqualit\u00e4t? Diese Fragen standen am 13. Oktober beim ersten \u201eBalanceakt Wohlstand \u2013 Wovon leben wir 2050?\u201c im Minoritenzentrum Graz im Mittelpunkt. 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