{"id":118835,"date":"2026-10-20T16:45:20","date_gmt":"2026-10-20T14:45:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.joanneum.at\/?p=118835"},"modified":"2026-10-20T16:45:20","modified_gmt":"2026-10-20T14:45:20","slug":"126-digitaldialog-digitale-souveraenitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.joanneum.at\/en\/126-digitaldialog-digitale-souveraenitaet\/","title":{"rendered":"126. Digitaldialog: Digitale Souver\u00e4nit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Digitale Souver\u00e4nit\u00e4t ist keine Frage der vollst\u00e4ndigen technologischen Unabh\u00e4ngigkeit, sondern der Kontrolle \u00fcber Daten, Infrastruktur und digitale Prozesse. Das war die zentrale Botschaft des 126. Digitaldialogs am 19. Oktober 2026 in der Raiffeisenzentrale in Raaba bei Graz. Experten aus Forschung, IT-Wirtschaft und \u00f6ffentlicher Verwaltung diskutierten dar\u00fcber, wie \u00d6sterreich und Europa ihre Abh\u00e4ngigkeit von internationalen Technologiekonzernen reduzieren k\u00f6nnen. Im Mittelpunkt standen die Leistungen heimischer Rechenzentren, offene KI-Modelle und konkrete Anwendungen aus der Praxis.<\/p>\n<h3>Digitale Souver\u00e4nit\u00e4t braucht Wahlm\u00f6glichkeiten<\/h3>\n<p>Matthias R\u00fcther, Direktor des Instituts DIGITAL bei JOANNEUM RESEARCH, stellte klar, dass digitale Souver\u00e4nit\u00e4t nicht mit vollst\u00e4ndiger Autarkie gleichzusetzen sei. Europa k\u00f6nne weder s\u00e4mtliche Halbleiter noch alle Softwarekomponenten selbst herstellen. Entscheidend sei vielmehr, Alternativen zu gro\u00dfen internationalen Anbietern zu haben und \u00fcber die eigene digitale Infrastruktur entscheiden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Neben technologischen Abh\u00e4ngigkeiten r\u00fcckte er die Sicherheit internationaler Lieferketten in den Mittelpunkt. Dabei gen\u00fcge es nicht, einzelne Komponenten oder Lieferanten zu zertifizieren. Erst das Zusammenspiel aller Bestandteile entscheide dar\u00fcber, ob ein digitales Gesamtsystem tats\u00e4chlich sicher und widerstandsf\u00e4hig sei. Gerade angesichts geopolitischer Spannungen werde die F\u00e4higkeit, digitale Systeme eigenst\u00e4ndig zu betreiben und weiterzuentwickeln, zunehmend wichtig.<\/p>\n<h3>Heimische Infrastruktur statt Abh\u00e4ngigkeit von Hyperscalern<\/h3>\n<p>Dass \u00d6sterreich bereits \u00fcber leistungsf\u00e4hige Alternativen verf\u00fcgt, zeigte Wilfried Seyruck, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Raiffeisen Rechenzentrums. \u201eDigitale Souver\u00e4nit\u00e4t braucht lokale Infrastruktur \u2013 und zwar aus \u00f6sterreichischer Hand\u201c, erkl\u00e4rte Seyruck. Ein Rechenzentrum auf \u00f6sterreichischem Boden allein garantiere noch keine digitale Souver\u00e4nit\u00e4t, wenn es einem internationalen Konzern geh\u00f6re und dessen rechtlichen Rahmenbedingungen unterliege.<\/p>\n<p>Besonders kritisch sieht Seyruck die Konzentration des Cloud-Marktes auf wenige gro\u00dfe US-Anbieter, sogenannte Hyperscaler. Diese stellen weltweit umfangreiche Rechen- und Speicherkapazit\u00e4ten bereit. Durch den US-amerikanischen CLOUD Act k\u00f6nnen US-Beh\u00f6rden unter bestimmten rechtlichen Voraussetzungen auch Zugriff auf Daten verlangen, die US-Unternehmen au\u00dferhalb der Vereinigten Staaten speichern. F\u00fcr Unternehmen mit sensiblen Gesch\u00e4fts- und Forschungsdaten entstehe dadurch ein Risiko.<\/p>\n<p>Heimische Rechenzentren erm\u00f6glichen es Unternehmen, ihre IT-Systeme und Daten in \u00d6sterreich zu betreiben. Mittlerweile stehen auch leistungsf\u00e4hige Infrastrukturen f\u00fcr k\u00fcnstliche Intelligenz zur Verf\u00fcgung. KI-Modelle k\u00f6nnen damit auf lokaler Hardware betrieben und in Unternehmensprozesse integriert werden, ohne sensible Informationen an externe KI-Dienste \u00fcbertragen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<h3>Nicht jede KI-Anwendung braucht das leistungsf\u00e4higste Modell<\/h3>\n<p>Wolfgang Pree, Professor an der Universit\u00e4t Salzburg, zeigte anhand konkreter Anwendungen, dass die gr\u00f6\u00dften und teuersten KI-Modelle f\u00fcr viele betriebliche Aufgaben gar nicht erforderlich sind. Nach seiner Einsch\u00e4tzung lassen sich rund 80 Prozent der industriellen und wirtschaftlichen KI-Anwendungen mit offenen Modellen abdecken, die einen Bruchteil der Kosten f\u00fchrender kommerzieller Systeme verursachen.<\/p>\n<p>Pree erl\u00e4uterte, dass besonders leistungsf\u00e4hige KI-Modelle zwar mittlerweile hochkomplexe wissenschaftliche Probleme bearbeiten k\u00f6nnten, diese F\u00e4higkeiten f\u00fcr die meisten betrieblichen Anwendungen aber nicht ben\u00f6tigt w\u00fcrden. Wesentlich sei vielmehr, geeignete Modelle f\u00fcr die jeweilige Aufgabe auszuw\u00e4hlen und diese effizient miteinander zu kombinieren.<\/p>\n<p>Die Beispiele verdeutlichten, dass lokal betriebene KI-Modelle bereits zahlreiche praktische Anforderungen von Unternehmen erf\u00fcllen k\u00f6nnen. F\u00fcr Pree er\u00f6ffnen diese Entwicklungen nicht nur M\u00f6glichkeiten zur Kostensenkung, sondern auch zur Modernisierung bestehender Software und zur Verringerung technologischer Abh\u00e4ngigkeiten.<\/p>\n<h3>Die Intelligenz kommt zu den Daten<\/h3>\n<p>Wie sich heimische Infrastruktur konkret in Unternehmensprozessen nutzen l\u00e4sst, demonstrierte Christian G\u00fcnther, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des steirischen IT-Unternehmens Speicherkraft. Gemeinsam mit einem regionalen Rechenzentrumsbetreiber hat das Unternehmen eine L\u00f6sung entwickelt, die KI-gest\u00fctzte Dokumentenverarbeitung und Prozessautomatisierung erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>\u201eDie Daten bleiben dort, wo sie sind\u201c, beschrieb G\u00fcnther den grundlegenden Ansatz. Die L\u00f6sung verbindet Informationen aus unterschiedlichen Unternehmenssystemen, etwa aus ERP-Software, Datenbanken, Dateiablagen und E-Mail-Postf\u00e4chern. Dadurch k\u00f6nnen Dokumente automatisiert verarbeitet, Rechnungsdaten ausgelesen oder Informationen f\u00fcr betriebliche Entscheidungen zusammengef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p>Die erforderliche Rechenleistung wird dabei \u00fcber eine lokal betriebene KI-Infrastruktur bereitgestellt. F\u00fcr G\u00fcnther ist das ein wesentlicher Vorteil: Unternehmen k\u00f6nnen leistungsf\u00e4hige KI einsetzen, ohne die Kontrolle \u00fcber ihre Daten und Prozesse an internationale Plattformanbieter abzugeben. Gleichzeitig zeigt die Kooperation, dass regionale IT-Unternehmen gemeinsam praxistaugliche und wirtschaftliche KI-L\u00f6sungen entwickeln k\u00f6nnen.<\/p>\n<h3>Sicherheit bleibt eine laufende Aufgabe<\/h3>\n<p>Im Anschluss an die Impulsvortr\u00e4ge wurde diskutiert. Dass digitale Souver\u00e4nit\u00e4t nicht erst mit dem Aufkommen generativer KI wichtig geworden ist, verdeutlichte Michael Stark, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Comm-Unity EDV GmbH. Das Unternehmen entwickelt Software f\u00fcr \u00f6sterreichische St\u00e4dte und Gemeinden und betreut rund 440 Kommunen. Dabei werden sensible Informationen verarbeitet, darunter Melde-, Personal- und Verwaltungsdaten. Ein Gro\u00dfteil der L\u00f6sungen wird in einem heimischen Rechenzentrum betrieben. Datenschutz, ein verl\u00e4sslicher Betrieb und digitale Souver\u00e4nit\u00e4t geh\u00f6ren jedoch untrennbar zu einer verantwortungsvollen IT-Strategie.<\/p>\n<p>Wilfried J\u00e4ger, Generalsekret\u00e4r der Open Source Business Innovation Group (OSSBIG), erg\u00e4nzte diese Perspektive um die Bedeutung quelloffener Software. Open Source sei eine wesentliche Voraussetzung, um sich aus der Abh\u00e4ngigkeit einzelner Softwareanbieter zu l\u00f6sen. Offen zug\u00e4nglicher Quellcode erm\u00f6gliche Unternehmen und \u00f6ffentlichen Einrichtungen, Systeme eigenst\u00e4ndig zu betreiben und weiterzuentwickeln. Allerdings setze dies entsprechendes Fachwissen und Investitionen in eigene Betriebsumgebungen voraus.<\/p>\n<p>J\u00e4ger warnte zudem davor, die Abh\u00e4ngigkeit von internationalen Cloud-Konzernen ausschlie\u00dflich nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu bewerten. Digitale Dienstleister seien mittlerweile selbst Teil geopolitischer Konflikte und k\u00f6nnten durch politische Entscheidungen kurzfristig Leistungen einschr\u00e4nken oder einstellen. Dadurch entst\u00fcnden Risiken, die \u00fcber klassische wirtschaftliche Abh\u00e4ngigkeiten hinausgingen. Digitale Souver\u00e4nit\u00e4t sei deshalb auch eine Frage des Risikomanagements und der langfristigen Handlungsf\u00e4higkeit.<\/p>\n<p>Der 126. Digitaldialog machte damit deutlich, dass digitale Souver\u00e4nit\u00e4t bereits heute praktisch umsetzbar ist. Heimische Rechenzentren, offene KI-Modelle und regionale Technologiepartnerschaften bieten Unternehmen und der \u00f6ffentlichen Verwaltung konkrete Alternativen zu globalen Plattformanbietern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Digitale Souver\u00e4nit\u00e4t ist keine Frage der vollst\u00e4ndigen technologischen Unabh\u00e4ngigkeit, sondern der Kontrolle \u00fcber Daten, Infrastruktur und digitale Prozesse. 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