Was sind die großen Trends im Bereich Gesundheit und Pflege?
BIRNGRUBER: Zunehmend an Bedeutung gewinnen Prävention, Präzisionsmedizin bzw. personalisierte Medizin. Auch Therapieformen ändern sich, Gen- und Zelltherapie kommen in die Anwendung, während mRNA-Technologien bereits am Markt angekommen sind (dabei wird dem Körper ein Bauplan für ein Antigen geliefert, gegen das der Körper eine Immunantwort entwickelt). Große Themen sind KI, Adipositas, Kreislauferkrankungen und Krebs. In diese Bereiche fließen enorme Mengen an Investitionen. KOTZBECK: In der Medikamentenentwicklung geht der Trend dahin, Tierversuche zu vermeiden und stattdessen Systeme zu entwickeln, die näher am Menschen sind und die Wirkung von Medikamenten besser voraussagen.
In welchen Bereichen sind COREMED und HEALTH ganz vorne mit dabei?
KOTZBECK: In der Entwicklung dieser tierversuchsfreien Medikamententests, sogenannter New Approach Methologies (NAM), aber auch in der Entwicklung geschlechsspezifischer Modelle. Dabei beschäftigen wir uns insbesondere mit Unterschieden im Hautbereich. BIRNGRUBER: Wir sind gut bei gewebsspezifischen Untersuchungen, wenn es darum geht, etwas dort zu beobachten, wo es passiert. Dort, wo ein Medikament oder eine Substanz andockt oder sich die Erkrankung befindet. Im Krebs, in der Haut, im Fettgewebe oder im Gehirn. Wir kombinieren gewebsspezifisches Monitoring und Metabolomics (die Analyse von Stoffwechselprodukten). Digitalisierung ist ein großes Thema.
Was sind die Vorteile, was die Herausforderungen?
KOTZBECK: Herausforderung ist die Datensicherheit. Vorteil ist die Datenverfügbarkeit, wenn alle Ärzt*innen die Patientenakte einsehen können. BIRNGRUBER: Die elektronische Gesundheitsakte ist ein gutes Tool, wenn sie nur eingesetzt würde. Durch Bereitstellen und Nutzen von Daten können Behandlungen verbessert oder die Wirkung von Gesundheitsmaßnahmen evaluiert werden. Es gibt auch in der Medizin zahlreiche sinnvolle KI-Tools und die gilt es im Krankenhaus auch zuzulassen. Wir müssen mutiger werden und neue Technologien auch einsetzen! KOTZBECK: Die Zulassung von KI-Tools ist nicht trivial, man könnte damit aber auch rasch in die Präventionsschiene reinkommen. Etwa, wenn man bei Röntgenaufnahmen mittels KI auch Nebendiagnosen auswertet. Die KI könnte vorklassifizieren, bei Abweichungen könnten Menschen eingreifen.
Gibt es Länder, von denen wir etwas lernen können?
KOTZBECK: Von den skandinavischen Ländern in Hinblick auf Prävention. Dort wird Zeit für Sport in den Arbeitsalltag integriert. Sehr sinnvoll ist auch ein Anreizsystem, etwa auch in Hinblick auf Adipositas oder Hautkrebsvorsorge. Durch Prävention ließe sich viel Geld sparen. BIRNGRUBER: Die Zusammenarbeit ist international und Pharmafirmen sind international. Ich denke, dass man sich von allen Ländern ein gutes oder schlechtes Beispiel nehmen kann. Man sollte überlegen, wo man hin will und schauen, wie andere Länder das machen. Und dann sollte man es einfach umsetzen. KOTZBECK: Unser Gesundheitssystem ist eines der teuersten, das birgt auch Vorteile. Eine gute Gesundheitsversorgung verursacht Kosten, doch sie sollte uns als Gesellschaft auch etwas wert sein. Privatisierungen im Gesundheitsbereich sehe ich problematisch. Um weiterhin ein gutes und effektives Gesundheitssystem bieten zu können, braucht es definitiv eine bessere Ressourcenplanung, aber auch mutigere Entscheidungen.
Was ist top an unserem Gesundheitswesen?
KOTZBECK: Der leichte Zugang zu medizinischer Leistung. In den USA beispielsweise fällt auf, dass auch jüngere Menschen bereits auf Gehbehelfe angewiesen sind. BIRNGRUBER: Diabetes oder eine Krebserkrankung kann in den USA den finanziellen Bankrott bedeuten. In Europa befinden wir uns beim Gesundheits- und Bildungssystem wirklich in einer Luxussituation. Die Qualität hängt nicht nur vom persönlichen Vermögen ab und die Versorgung ist für alle annähernd gleich. Medizinischer Fortschritt ist teuer. Wie können wir auch in Zukunft noch alle davon profitieren? KOTZBECK: Die Anfangsphase einer Neuentwicklung kostet sehr viel und man sollte eine gute Kosten-Nutzen-Rechnung aufstellen. Doch wenn man früh schwere Erkrankungen erkennen und verhindern kann, kann man später an Krankenhauskosten sparen. Prävention mutet teuer an, ist aber letztlich eine enorme Erleichterung für das System. BIRNGRUBER: Es gilt Ressourcen auf allen Ebenen intelligent einzusetzen, bei der Medikamentenentwicklung, bei der Versorgung im Krankenhaus und zu Hause. Dann kommt es seltener zu stationären Aufenthalten und teuren Therapien. So kann man sich auch teure Voruntersuchungen leisten, weil das einen Bruchteil der Kosten einer Behandlung ausmacht.
Was sind Ihre Aufgaben und Ziele als Geschäftsfeldkoordinator*innen?
KOTZBECK: Es gilt als Vernetzungshub zu wirken und dort, wo Forschende aus unterschiedlichen Disziplinen
zusammenkommen, etwa bei Kongressen oder Calls, das JOANNEUM-RESEARCH-Netzwerk aktiv nach außen zu tragen. Entscheidend ist, das große Ganze im Blick zu behalten und den Standort gemeinsam mit Partnern zu stärken. BIRNGRUBER: Zwischen den Instituten sollen kurze Wege entstehen, sodass schnell Expertise gefunden werden kann. Wichtig ist, keine Chancen für eine Zusammenarbeit zu verpassen und rasch die richtigen Personen zusammenzubringen – denn genau diese Geschwindigkeit macht erfolgreiche, vernetzte Forschung möglich.
Blicken wir in die Zukunft. Wo wird es in den nächsten Jahrzehnten die größten Fortschritte geben?
KOTZBECK: Ich denke, wir werden in der Krebstherapie einen großen Sprung machen, auch bei regenerativen Therapien und Zelltherapien bei unterschiedlichen Krankheitsbildern. BIRNGRUBER: Wir werden unser Immunsystem besser verstehen. Sehr vielversprechend sind CAR-T-Zelltherapien, also Immuntherapien bei denen körpereigene T-Zellen gentechnisch so verändert werden, dass sie Tumorzellen gezielt erkennen und zerstören.
Interview: Petra Mravlak
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