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Bildungsaufstieg als Risiko: Studie zur Erwachsenenbildung

Warum bilden sich Menschen weiter – oder nicht? Dieser Frage ist das Institut POLICIES in einer Studie im Auftrag der Arbeiterkammer (AK) und des Arbeitsmarktservice (AMS) in Vorarlberg auf den Grund gegangen.

Studienautor Andreas Niederl von POLICIES, AK-Präsident Bernhard Heinzle, und AMS-Landesgeschäftsführer Bernhard Bereuter bei der Präsentation einer Studie zum Thema Bildung

Studienautor Andreas Niederl von POLICIES, AK-Präsident Bernhard Heinzle, und AMS-Landesgeschäftsführer Bernhard Bereuter (v.l.) Foto: AK Vorarlberg/Dietmar Mathis

„Bildungsentscheidungen sind keine spontanen Impulse – sie sind das Ergebnis eines sehr bewussten Abgleichs mit der eigenen Lebensrealität. Für Menschen in stabilen, aber gering qualifizierten Jobs wird Qualifizierung erst dann zum Thema, wenn sie als konkrete Sicherheitsgarantie wahrgenommen wird."
Andreas Niederl, Institut POLICIES

Bildungsentscheidungen entstehen nicht aus einem spontanen Impuls, sondern auf Basis einer nüchternen Risiko-Nutzen-Abwägung. Das ist das Ergebnis einer Studie von Joanneum Research POLICIES im Auftrag der Arbeiterkammer Vorarlberg (AK) und des Arbeitsmarktservice Vorarlberg (AMS). Finanzierbarkeit, Vereinbarkeit, Erfolgschancen und Signale der Arbeitgeber sind entscheidend. Studienautor Andreas Niederl rückt dabei die Lebensrealität der Betroffenen in den Mittelpunkt: „Bildungsentscheidungen sind keine spontanen Impulse – sie sind das Ergebnis eines sehr bewussten Abgleichs mit der eigenen Lebensrealität“, so Niederl. „Für Menschen in stabilen, aber gering qualifizierten Jobs wird Qualifizierung erst dann zum Thema, wenn sie als konkrete Sicherheitsgarantie wahrgenommen wird.“

Weiterbildung als Absicherung

Die Untersuchung analysiert die Situation geringqualifizierter Personen in Vorarlberg vor dem Hintergrund eines stabilen, industriell geprägten Arbeitsmarkts mit hoher Nachfrage nach Fachkräften – insbesondere mit Lehrabschluss. Gleichzeitig zeigt sich: Ein niedriger formaler Bildungsabschluss führt nicht automatisch zu Arbeitslosigkeit oder geringem Einkommen. Viele geringqualifizierte Frauen und Männer sind langfristig stabil beschäftigt, ein relevanter Teil erzielt vergleichsweise hohe Einkommen.

Weiterbildung wird daher häufig nicht als Aufstiegsinstrument verstanden, sondern als strategische Absicherung – etwa gegen gesundheitliche Belastungen, betriebliche Umbrüche oder konjunkturelle Risiken. Entscheidend sind dabei vier Faktoren: finanzielle Realisierbarkeit, Vereinbarkeit mit Erwerbs- und Sorgearbeit, realistische Erfolgsaussichten sowie klare Signale der Arbeitgeber. Besonders relevant sind sogenannte „Chancenfenster“ – Phasen wie drohende Arbeitsplatzverluste oder gesundheitlicher Druck, in denen die Bereitschaft zur Veränderung steigt.

Zentrale Erkenntnisse der Studie

  • Geringqualifizierte bilden keine homogene Gruppe. Rund zwei Drittel sind stabil in den Arbeitsmarkt integriert. Ein Teil erzielt hohe Einkommen. Niedrige formale Abschlüsse sind integraler Bestandteil der regionalen Beschäftigungsstruktur.
  • Trotz hoher Fachkräftenachfrage bleibt die formale Höherqualifizierung geringqualifizierter Personen niedrig. Bildungsentscheidungen folgen einer rationalen Abwägung: Der erwartete Nutzen – etwa höheres Einkommen, geringere körperliche Belastung oder mehr Beschäftigungsstabilität – muss den Aufwand und Risiken klar übersteigen. Betriebliche Nachfrage und konkrete Perspektiven sind zentrale Signalgeber.
  • Zentrale Hürden liegen weniger in fehlender Motivation als in strukturellen Barrieren: finanzielle Risiken, Opportunitätskosten, mangelnde Vereinbarkeit mit Erwerbs- und Sorgearbeit, kumulative Problemlagen, Basisbildungs- und Sprachdefizite sowie fehlende betriebliche Unterstützung.

Handlungsansätze

Aus den Ergebnissen leiten AK und AMS konkrete Handlungsansätze ab. AMS-Landesgeschäftsführer Bernhard Bereuter betont die Bedeutung modularer Ausbildungswege, die in kleinen, planbaren Schritten zu einem Abschluss führen. Ebenso notwendig sei eine existenzsichernde finanzielle Absicherung während längerer Qualifizierungsphasen, etwa durch stipendienähnliche Modelle. Arbeitsmarktpolitische Stiftungen sollen weiterentwickelt und für Betriebe verständlicher kommuniziert werden.

AK-Präsident Bernhard Heinzle sieht einen klaren politischen Auftrag: Bildungsentscheidungen seien für viele Menschen existenziell. Kürzungen bei Bildungskarenz oder im AMS-Budget seien daher das falsche Signal. Notwendig seien realistische Rahmenbedingungen für Qualifizierung während aufrechter Beschäftigung. Es sei volkswirtschaftlich sinnvoller, Weiterbildung im Erwerbsverhältnis zu ermöglichen, als Qualifizierung erst im Fall von Arbeitslosigkeit zu finanzieren. Die vom AMS vorgeschlagenen Modul-Modelle bewertet er als richtigen Schritt.

Ein erster konkreter Baustein ist der seit 1. Jänner 2026 reformierte Vorarlberger Bildungszuschuss mit höheren Fördersätzen für Personen mit maximal Pflichtschulabschluss und neuer Einkommensstaffelung. Zudem soll die Beratung ausgebaut und Qualifizierungswege gemeinsam mit Betrieben praxisnah gestaltet werden.

Weitere Infos und die gesamte Studie zum Download: Arbeiterkammer Vorarlberg

 

 

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Mag. Andreas Niederl
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