Was macht eine Gesellschaft wohlhabend? Reichen Wirtschaftswachstum, Produktivität und Einkommen aus, um Wohlstand zu sichern? Und welche Rolle spielen soziale Absicherung, gesellschaftlicher Zusammenhalt und persönliche Lebensqualität? Diese Fragen standen am 13. Oktober beim ersten „Balanceakt Wohlstand – Wovon leben wir 2050?“ im Minoritenzentrum Graz im Mittelpunkt. Die von JOANNEUM RESEARCH, der Katholischen Kirche Steiermark, der Universität Graz/Wegener Center und der Arbeiterkammer Steiermark organisierte Veranstaltung unter der Moderation von Shenja Paar, Caritas Steiermark, beleuchtete die wirtschaftlichen, sozialen und ethischen Grundlagen unseres künftigen Wohlstands.
„Eine Gesellschaft sichert ihren Wohlstand nicht allein dadurch, dass sie mehr erwirtschaftet, sondern auch dadurch, dass sie gemeinsam handlungsfähig bleibt“, betonte Lukas Grangl, Diözesandirektor der Katholischen Kirche Steiermark, zur Eröffnung. Einkommen, Produktivität und Beschäftigung seien wichtige Wohlstandsindikatoren, erzählten jedoch nicht die ganze Geschichte. Ebenso wesentlich seien Gesundheit, Bildung, soziale Sicherheit, gesellschaftliche Teilhabe, intakte natürliche Lebensgrundlagen und die Aussicht, dass ihre Anstrengungen einen Sinn haben.
Wohlstand zwischen Markt und Sozialstaat
Franz Prettenthaler, Direktor von LIFE – Institut für Klima, Energiesysteme und Gesellschaft der JOANNEUM RESEARCH, beleuchtete die Bedeutung von Wohlstand und die Rolle des Wohlfahrtsstaates. „Die relevanten Wünsche und Lebensziele des Einzelnen sind die, die zählen“, erklärte er mit Blick auf die philosophischen Grundlagen der liberalen Wohlstandsgesellschaft. Märkte und Wettbewerb tragen zur Schaffung von Wohlstand bei. Gleichzeitig brauche es einen Staat, der Marktversagen korrigiert, soziale Risiken absichert und faire Lebenschancen ermöglicht.
Dabei verwies Prettenthaler auf die Grenzen individueller Entscheidungen: „Wir Menschen sind nicht sehr gut darin, Risiken gut einzuschätzen. Und wenn wir keine verpflichtende Arbeitslosenversicherung hätten, keine verpflichtende Pensionsversicherung, dann hätten wir sehr viel Armut.“ Verpflichtende Sozialversicherungen und staatliche Schutzregelungen seien daher notwendig, um Menschen auch dann abzusichern, wenn sie Risiken unterschätzen oder Fehlentscheidungen treffen.
Mit Blick auf den wirtschaftlichen und ökologischen Wandel bis 2050 stellte Prettenthaler die Frage, wie Wohlstand langfristig gesichert und zugleich gerecht verteilt werden kann. Die Verteilungsgerechtigkeit wird auch im Mittelpunkt der Folgeveranstaltung am 2.2.2027 stehen.
Österreichs Wettbewerbsfähigkeit unter Druck
Carmen Treml, Ökonomin bei Agenda Austria, verwies auf die wirtschaftlichen Herausforderungen Österreichs. Mit einem Bruttoinlandsprodukt von rund 55.700 Euro pro Kopf zählt Österreich zu den fünf wohlhabendsten Ländern der Europäischen Union. Allerdings stagnieren die reale Wirtschaftsleistung pro Kopf und die Produktivitätsentwicklung. Auch die Unternehmensinvestitionen liegen unter dem Niveau von 2019. Gleichzeitig steigen die Sozialausgaben und die Verschuldung der Bundesländer, während die Bevölkerung altert.
Treml sieht vor allem bei der Abgabenbelastung und den Arbeitsanreizen Handlungsbedarf: „Österreich macht es zu unattraktiv, Wohlstand überhaupt erst zu schaffen, weil Arbeit, Leistung und Investitionen zu stark besteuert werden. Die wichtigste Ressource einer Wohlstandsgesellschaft ist die Zuversicht, dass sich Anstrengung lohnt.“ Sie verwies auf die hohe Steuer- und Abgabenbelastung der Arbeit in Österreich und plädierte für mehr Netto vom Brutto, effizientere Staatsausgaben sowie bessere Rahmenbedingungen für Investitionen und Innovationen. Ihr Appell: „Ein Umdenken muss her, um nicht weiter an Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren.“ Ziel müsse es sein, Österreichs hohes Wohlstandsniveau langfristig zu erhalten.
Sozialstaat muss vor Armut schützen
Eine andere Perspektive brachte Philipp Suppan von der Arbeiterkammer Steiermark ein. Er stellte die Frage, ob der Wohlfahrtsstaat tatsächlich Wohlstand garantieren könne. Nach den präsentierten Daten waren 2025 in Österreich rund 1,44 Millionen Menschen beziehungsweise 15,9 Prozent der Bevölkerung armutsgefährdet. Rund 148.000 Menschen lebten in manifester Armut. Besonders betroffen seien Langzeitarbeitslose, Alleinerziehende und alleinlebende Pensionist*innen.
Zwar könne das österreichische Pensionssystem nach einem durchgehenden Erwerbsleben den Lebensstandard weitgehend sichern. Sozialleistungen wie Arbeitslosengeld, Notstandshilfe oder Ausgleichszulage lägen jedoch häufig unter der Armutsgefährdungsschwelle von 1.827 Euro netto monatlich, gerechnet auf zwölf Monate. Suppans Schlussfolgerung: „Wenn der Wohlfahrtsstaat auch im Jahr 2050 Wohlstand wahren soll, dann muss er sich heute der Bekämpfung von Armutsgefährdungspotenzialen widmen.“
Wohlstand bedeutet gemeinsam gut leben
Pater Gerwig Romirer, Prior des Benediktinerstiftes St. Lambrecht, erweiterte die Diskussion um die spirituelle und gesellschaftliche Dimension des Wohlstands. Unter dem Titel „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ beschrieb er Wohlstand mit drei Worten: „Gemeinsam gut leben.“ Materielle Sicherheit sei eine wichtige Grundlage, für ein erfülltes Leben brauche es jedoch mehr. „Was alles ist noch ein Lebensmittel für uns Menschen?“, fragte Romirer und verwies auf die Bedeutung von Sinn, Gemeinschaft und persönlichen Werten.
Aus der benediktinischen Tradition leitete er vier Grundsätze für ein gutes Leben ab: Maß halten, Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden, einen Lebensrhythmus finden und achtsam sein. Besonders das Maßhalten sei auch für die heutige Wohlstandsgesellschaft relevant: „Was brauche ich wirklich? Was ist genug? Was ist zu viel?“ Romirer hinterfragte damit auch eine Wirtschaftsweise, die auf ständigem Wachstum beruht: „Wie gehen wir damit um, wenn etwas nur zu funktionieren scheint, wenn es immer mehr wird?“
Mit dem benediktinischen Leitgedanken „Bete und arbeite und lies“ (Ora et labora et lege) betonte er zudem, dass Arbeit, persönliche Entwicklung und Spiritualität keine voneinander getrennten Lebensbereiche seien. Vielmehr gehe es darum, diese Dimensionen in eine gute Balance zu bringen. Seinen Wunsch für 2050 formulierte Romirer so: „Es wäre schön, wenn 2050 es gelungen ist, dass alle am gesellschaftlichen Leben Anteil nehmen können, so wie sie es gerne möchten.“
Junge Generation fordert Perspektiven
Wie sich Wohlstand im Alltag junger Menschen darstellt, verdeutlichte Andreas Paulitsch, Betriebsrat und Lehrlingsausbildner bei TDK Electronics in Deutschlandsberg. Sein persönliches Beispiel war der Wunsch nach einem Eigenheim, dessen Finanzierung mit einem durchschnittlichen Einkommen zunehmend schwierig werde. Für ihn seien Ausbildung, sichere Arbeitsplätze, faire Bezahlung und eine gesicherte Pension entscheidende Voraussetzungen, um auch 2050 gut leben zu können. Angesichts steigender Lebenshaltungskosten stelle sich für junge Beschäftigte die Frage, welche Zukunftsperspektiven ihnen ihre Arbeit tatsächlich eröffne.
Fazit: Wovon werden wir 2050 leben?
Die Vorträge und die Diskussion machten deutlich, dass Wohlstand mehrere Voraussetzungen hat. Wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, Produktivität und Erwerbsarbeit schaffen die materielle Grundlage. Soziale Sicherungssysteme schützen vor Lebensrisiken und Armut. Bildung, Gesundheit, gesellschaftliche Teilhabe und ein verantwortungsvoller Umgang mit natürlichen Ressourcen bestimmen mit, wie gut Menschen leben können.
Wovon leben wir also 2050? Von unserer Arbeit, von Innovationen und einer leistungsfähigen Wirtschaft – aber ebenso von sozialer Sicherheit, gesellschaftlichem Zusammenhalt und intakten Lebensgrundlagen. Entscheidend wird sein, wie Österreich den wirtschaftlichen und ökologischen Wandel bewältigt, Armut bekämpft und auch künftigen Generationen ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht.
Die Präsentationen
Einleitung | Franz Prettenthaler, Direktor Institut LIFE, JOANNEUM RESEARCH
Der Mensch lebt nicht vom Brot allein | Pater Gerwig Romirer, Katholische Kirche Steiermark
Wohlfahrtsstaat als Garant für Wohlstand | Philipp Suppan, Arbeiterkammer Steiermark
Wie sichern wir den Wohlstand von morgen? | Carmen Treml, Agenda Austria
Über „Balanceakt“
Das Diskussionsformat von JOANNEUM RESEARCH, der Katholischen Kirche Steiermark, der Universität Graz/Wegener Center und der Arbeiterkammer Steiermark widmet sich nach vier Veranstaltungen zum Thema Balanceakt CO₂ nun der Frage nach den Grundlagen und der Zukunft unseres Wohlstands.
Die Veranstaltungsreihe „Balanceakt Wohlstand“ setzt den Dialog über die Zukunft unserer Wohlstandsgesellschaft fort. Im nächsten Teil steht insbesondere die Frage der Verteilungsgerechtigkeit im Mittelpunkt.












