Die Digitalisierung eröffnet Krankenhäusern Chancen, die Gesundheitsversorgung effizienter und patientenfreundlicher zu gestalten und zum Smart Hospital zu werden. Laut einer McKinsey-Studie könnte allein in Österreich der Einsatz digitaler Technologien jährliche Einsparungen von bis zu 4,7 Milliarden Euro bringen, vor allem durch papierlose Datenverarbeitung und Online-Interaktionen zwischen dem medizinischen Personal und den Patient*innen.
Die Personalsituation im medizinischen Umfeld ist angespannt, besonders im Pflegebereich. Das führt zur Sperrung von Betten und Verschiebung planbarer Operationen. Unterstützung kommt von digitalen Gesundheitstechnologien wie papierlose Datenverarbeitung, Teleberatung und Fernüberwachung von Patient*innen, Entscheidungsunterstützung oder automatisierten Abläufen. In puncto Logistik zum Beispiel haben digitalisierte Prozesse erhebliches Potenzial zur Effizienzsteigerung. Systeme für eine automatisierte Medikamentenvergabe oder für die Steuerung von Versorgungsprozessen sorgen für einen besseren Überblick und optimieren den Ressourceneinsatz. Beim 113. Digitaldialog am 5. November präsentierten 4 Vordenker und Umsetzer, welche Technologien ein Krankenhaus smart und zukunftsfähig machen können.
Am Universitätsklinikum Graz leitet Michael Kazianschütz den Bereich Wirtschaft und Logistik. Er präsentierte erfolgreiche, schlank gehaltene Logistikprozesse im klinischen Umfeld mit Fokus auf Scanning, Tracking und Robotik. Abgesehen von den budgetären Einsparungen, verbucht er eine höhere Akzeptanz seitens des medizinischen Personals auf das Erfolgskonto einer volldigitalisierten Logistik. Als Beispiel dafür nannte er den logistischen Ablauf mit der Krankenhaus-Bekleidung. Hier setzte man auf höhere Qualität bei der Bekleidung, die durch abgespeckte Logistikkosten ermöglicht wurde. Kazianschütz appelliert an die Zuhörer*innen, neue Ideen und Design Thinking zuzulassen. Dies eröffne völlig neue Möglichkeiten.
Gerald Sendlhofer, Leiter der Stabsstelle Qualitätsmanagement und Risikomanagement des Universitätsklinikums Graz, bot einen Überblick über die Top-Risiken der Patient*innen in der medizinischen Versorgung und über deren Minimierung durch Digitalisierung. Mit der Covid-Pandemie habe die Digitalisierungswelle an Dynamik gewonnen und viele Innovationen haben sich durchgesetzt, zeigte sich Sendlhofer überzeugt. Allein die elektronische Fieberkurve, die die Interpretationsmöglichkeiten handgeschriebener Aufzeichnungen deutlich minimiere, hat zu erheblichen Verbesserungen geführt. Einer der größten Vorteile in der Digitalisierung sei die Möglichkeit, viele Beteiligte in einen Prozess zu integrieren. Die Patienteninformationen stehen so nicht nur dem behandelnden medizinischen Personal zur Verfügung, sondern zum Beispiel auch den Pharmazeut*innen, die die Medikamente bereitstellen. Als besonders positives Beispiel führte Sendlhofer das Patientenarmband an, das mit einem Barcode versehen ist. Allein diese Innovation führte zu einer deutlichen Risikoabschwächung bei den rund 1000 Patiententransporten am Tag.
Der Kardiologe Martin Manninger-Wünscher erklärte die positiven Auswirkungen von Lifestyle Gadgets wie Smart Watches auf die Diagnostik. Als Beispiel führte er das bekannte Vorhofflimmern an, das zu einem Schlaganfall oder zu Herzschwäche führen kann. Eine Smart Watch liefert eine Fülle an Daten, durch die sich sehr früh Unregelmäßigkeiten des Herzschlags erkennen lassen. Ganz oft gibt es dafür unbedenkliche Ursachen, manchmal lässt sich daraus ein Vorhofflimmern ableiten. Diese neue Art der Diagnostik sei patienteninitiiert, erklärt der Spezialist. Die Schwäche dabei sei die enorme Datenmenge, aus der sich noch keine Diagnose ableiten lässt. Aktuell werde an Workflows und am Umgang mit big data geforscht und gearbeitet. Auch daran, medizinisches Personal hinsichtlich neuer digitaler Technologien zu schulen.
Den Abschluss der Vortragsreihe machte Franz Feichtner, Direktor vom Institut HEALTH, der 3 Digitalisierungsprojekte vorstellte und Design Thinking ins Scheinwerferlicht stellte. Seiner Erfahrung nach sei es wesentlich, die Anwender*innen digitaler Lösungen von Anfang an in den Entwicklungsprozess miteinzubeziehen. Design Thinking beginne mit Prozessbeobachtungen und dem Erstellen eines Anforderungsprofils. Dem folge die Entwicklung und Prozesssimulation, bevor es an die Umsetzung gehe. In all den Prozessen sei es unerlässlich, alle Beteiligten miteinzubeziehen, um Akzeptanz und Verständnis in der Anwendung zu gewährleisten. Jüngstes Beispiel aus dem Institut HEALTH ist der digitale OP-Check, der in den Krankenhäusern in der Steiermark bereits erfolgreich im Einsatz ist.
Durch die Veranstaltung führte der stellvertretende Geschäftsführer des Kooperationspartners Human.technology Styria GmbH (HTS), Pascal Mülner.
Der Digitaldialog ist eine Veranstaltungsreihe des Silicon Alps Clusters, die in Kooperation mit JOANNEUM RESEARCH, dem Campus 02, der IT Community Styria sowie der FH Kärnten durchgeführt wird.