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126. Digitaldialog: Digitale Souveränität

Heimische Rechenzentren ermöglichen die Kontrolle über sensible Daten und den sicheren Einsatz künstlicher Intelligenz. Die Experten waren sich einig: Nicht jede KI-Anwendung braucht die großen US-amerikanischen Cloud-Anbieter. Leistungsfähige Alternativen stehen bereits in Österreich zur Verfügung.

Diskussionsrunde auf der Bühne

Helmut Wiedenhofer, Wilfried Jäger, Michael Stark, Christian Günther, Wilfried Seyruck, Wolfgang Pree und Matthias Rüther (v. l.) Foto: JOANNEUM RESEARCH/Raiser

Digitale Souveränität ist keine Frage der vollständigen technologischen Unabhängigkeit, sondern der Kontrolle über Daten, Infrastruktur und digitale Prozesse. Das war die zentrale Botschaft des 126. Digitaldialogs am 19. Oktober 2026 in der Raiffeisenzentrale in Raaba bei Graz. Experten aus Forschung, IT-Wirtschaft und öffentlicher Verwaltung diskutierten darüber, wie Österreich und Europa ihre Abhängigkeit von internationalen Technologiekonzernen reduzieren können. Im Mittelpunkt standen die Leistungen heimischer Rechenzentren, offene KI-Modelle und konkrete Anwendungen aus der Praxis.

Digitale Souveränität braucht Wahlmöglichkeiten

Matthias Rüther, Direktor des Instituts DIGITAL bei JOANNEUM RESEARCH, stellte klar, dass digitale Souveränität nicht mit vollständiger Autarkie gleichzusetzen sei. Europa könne weder sämtliche Halbleiter noch alle Softwarekomponenten selbst herstellen. Entscheidend sei vielmehr, Alternativen zu großen internationalen Anbietern zu haben und über die eigene digitale Infrastruktur entscheiden zu können.

Neben technologischen Abhängigkeiten rückte er die Sicherheit internationaler Lieferketten in den Mittelpunkt. Dabei genüge es nicht, einzelne Komponenten oder Lieferanten zu zertifizieren. Erst das Zusammenspiel aller Bestandteile entscheide darüber, ob ein digitales Gesamtsystem tatsächlich sicher und widerstandsfähig sei. Gerade angesichts geopolitischer Spannungen werde die Fähigkeit, digitale Systeme eigenständig zu betreiben und weiterzuentwickeln, zunehmend wichtig.

Heimische Infrastruktur statt Abhängigkeit von Hyperscalern

Dass Österreich bereits über leistungsfähige Alternativen verfügt, zeigte Wilfried Seyruck, Geschäftsführer des Raiffeisen Rechenzentrums. „Digitale Souveränität braucht lokale Infrastruktur – und zwar aus österreichischer Hand“, erklärte Seyruck. Ein Rechenzentrum auf österreichischem Boden allein garantiere noch keine digitale Souveränität, wenn es einem internationalen Konzern gehöre und dessen rechtlichen Rahmenbedingungen unterliege.

Besonders kritisch sieht Seyruck die Konzentration des Cloud-Marktes auf wenige große US-Anbieter, sogenannte Hyperscaler. Diese stellen weltweit umfangreiche Rechen- und Speicherkapazitäten bereit. Durch den US-amerikanischen CLOUD Act können US-Behörden unter bestimmten rechtlichen Voraussetzungen auch Zugriff auf Daten verlangen, die US-Unternehmen außerhalb der Vereinigten Staaten speichern. Für Unternehmen mit sensiblen Geschäfts- und Forschungsdaten entstehe dadurch ein Risiko.

Heimische Rechenzentren ermöglichen es Unternehmen, ihre IT-Systeme und Daten in Österreich zu betreiben. Mittlerweile stehen auch leistungsfähige Infrastrukturen für künstliche Intelligenz zur Verfügung. KI-Modelle können damit auf lokaler Hardware betrieben und in Unternehmensprozesse integriert werden, ohne sensible Informationen an externe KI-Dienste übertragen zu müssen.

Nicht jede KI-Anwendung braucht das leistungsfähigste Modell

Wolfgang Pree, Professor an der Universität Salzburg, zeigte anhand konkreter Anwendungen, dass die größten und teuersten KI-Modelle für viele betriebliche Aufgaben gar nicht erforderlich sind. Nach seiner Einschätzung lassen sich rund 80 Prozent der industriellen und wirtschaftlichen KI-Anwendungen mit offenen Modellen abdecken, die einen Bruchteil der Kosten führender kommerzieller Systeme verursachen.

Pree erläuterte, dass besonders leistungsfähige KI-Modelle zwar mittlerweile hochkomplexe wissenschaftliche Probleme bearbeiten könnten, diese Fähigkeiten für die meisten betrieblichen Anwendungen aber nicht benötigt würden. Wesentlich sei vielmehr, geeignete Modelle für die jeweilige Aufgabe auszuwählen und diese effizient miteinander zu kombinieren.

Die Beispiele verdeutlichten, dass lokal betriebene KI-Modelle bereits zahlreiche praktische Anforderungen von Unternehmen erfüllen können. Für Pree eröffnen diese Entwicklungen nicht nur Möglichkeiten zur Kostensenkung, sondern auch zur Modernisierung bestehender Software und zur Verringerung technologischer Abhängigkeiten.

Die Intelligenz kommt zu den Daten

Wie sich heimische Infrastruktur konkret in Unternehmensprozessen nutzen lässt, demonstrierte Christian Günther, Geschäftsführer des steirischen IT-Unternehmens Speicherkraft. Gemeinsam mit einem regionalen Rechenzentrumsbetreiber hat das Unternehmen eine Lösung entwickelt, die KI-gestützte Dokumentenverarbeitung und Prozessautomatisierung ermöglicht.

„Die Daten bleiben dort, wo sie sind“, beschrieb Günther den grundlegenden Ansatz. Die Lösung verbindet Informationen aus unterschiedlichen Unternehmenssystemen, etwa aus ERP-Software, Datenbanken, Dateiablagen und E-Mail-Postfächern. Dadurch können Dokumente automatisiert verarbeitet, Rechnungsdaten ausgelesen oder Informationen für betriebliche Entscheidungen zusammengeführt werden.

Die erforderliche Rechenleistung wird dabei über eine lokal betriebene KI-Infrastruktur bereitgestellt. Für Günther ist das ein wesentlicher Vorteil: Unternehmen können leistungsfähige KI einsetzen, ohne die Kontrolle über ihre Daten und Prozesse an internationale Plattformanbieter abzugeben. Gleichzeitig zeigt die Kooperation, dass regionale IT-Unternehmen gemeinsam praxistaugliche und wirtschaftliche KI-Lösungen entwickeln können.

Sicherheit bleibt eine laufende Aufgabe

Im Anschluss an die Impulsvorträge wurde diskutiert. Dass digitale Souveränität nicht erst mit dem Aufkommen generativer KI wichtig geworden ist, verdeutlichte Michael Stark, Geschäftsführer der Comm-Unity EDV GmbH. Das Unternehmen entwickelt Software für österreichische Städte und Gemeinden und betreut rund 440 Kommunen. Dabei werden sensible Informationen verarbeitet, darunter Melde-, Personal- und Verwaltungsdaten. Ein Großteil der Lösungen wird in einem heimischen Rechenzentrum betrieben. Datenschutz, ein verlässlicher Betrieb und digitale Souveränität gehören jedoch untrennbar zu einer verantwortungsvollen IT-Strategie.

Wilfried Jäger, Generalsekretär der Open Source Business Innovation Group (OSSBIG), ergänzte diese Perspektive um die Bedeutung quelloffener Software. Open Source sei eine wesentliche Voraussetzung, um sich aus der Abhängigkeit einzelner Softwareanbieter zu lösen. Offen zugänglicher Quellcode ermögliche Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen, Systeme eigenständig zu betreiben und weiterzuentwickeln. Allerdings setze dies entsprechendes Fachwissen und Investitionen in eigene Betriebsumgebungen voraus.

Jäger warnte zudem davor, die Abhängigkeit von internationalen Cloud-Konzernen ausschließlich nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu bewerten. Digitale Dienstleister seien mittlerweile selbst Teil geopolitischer Konflikte und könnten durch politische Entscheidungen kurzfristig Leistungen einschränken oder einstellen. Dadurch entstünden Risiken, die über klassische wirtschaftliche Abhängigkeiten hinausgingen. Digitale Souveränität sei deshalb auch eine Frage des Risikomanagements und der langfristigen Handlungsfähigkeit.

Der 126. Digitaldialog machte damit deutlich, dass digitale Souveränität bereits heute praktisch umsetzbar ist. Heimische Rechenzentren, offene KI-Modelle und regionale Technologiepartnerschaften bieten Unternehmen und der öffentlichen Verwaltung konkrete Alternativen zu globalen Plattformanbietern.

 

Kontaktpersonen

DI Helmut Wiedenhofer
Leitung Strategische Kooperationen und Netzwerke, Prokura
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