Was sind die Trends im Bereich Produktion und Fertigung?
Cozzi: Digitalisierung, Nachhaltigkeit, Automatisierung und Cybersicherheits sind die großen Themen. Künstliche Intelligenz (KI) ist ein zentraler Treiber, mit Technologien wie Machine Learning, prädiktive Analysen und digitalen Zwillingen, die Echtzeitoptimierung, Qualitätskontrolle und vorausschauende Wartung ermöglichen.
Trog: Robotik wird künftig verstärkt in anderen Anwendungen als bisher gewohnt zum Einsatz kommen. Nämlich nicht mehr nur dort, wo es um die Herstellung stark standardisierter Teile und großer Mengen geht. So können beispielsweise Roboter in einer Küche Sandwiches mit variierenden Zutaten zubereiten. Das ist eine neue Form der Automatisierung von kleinen Stückzahlen in einem Dienstleistungsgewerbe.
Cozzi: Genau. Die Automatisierung, unterstützt durch KI, verbessert die Mensch-Maschine-Interaktion. Sie unterstützt aber auch die Produktionsprozesse, während additive Fertigung und innovative Beschichtungstechnologien, wie zum Beispiel Inkjet-Druck, die Produktion flexibler und maßgeschneiderter machen.
Wie steht es um die Wettbewerbsfähigkeit der österreichischen bzw. europäischen Industrie? Wo sind die Chancen, wo die Herausforderungen?
Cozzi: Chancen liegen in Hightech-Bereichen wie Automobilindustrie, Luftfahrt, Optik, Elektronik und Medizintechnik, wo Präzision und Qualität gefragt sind. Österreich profitiert von seiner starken Forschungsinfrastruktur und Kooperationen mit der Industrie, die maßgeschneiderte Lösungen ermöglichen. Qualifizierte Fachkräfte und die hohe Innovationskraft machen Österreich wettbewerbsfähig. Mit einer sehr hohen Forschungsquote ist die Steiermark im europäischen Spitzenfeld.
Trog: Dennoch dürfen wir uns nicht auf dieser Zahl ausruhen, wir müssen uns weiterentwickeln. Die Forschungsquote allein bringt noch keine Innovationen. Uns fehlt hierzulande eine starke Unternehmer- und Investorenkultur. Es gibt Länder mit niedriger Forschungsquote, in denen der Hunger nach Innovation viel größer ist.
Wo setzen Sie als Koordinatoren des Geschäftsfelds Produktion und Fertigung der JOANNEUM RESEARCH die Schwerpunkte?
Trog: In unserem Geschäftsfeld treffen sich unterschiedliche Ansätze und Expertisen einzelner Institute und Forschungsgruppen wie zum Beispiel künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen, Digital Twins, additive Fertigung, statistische Methoden, Technologien zur Unterstützung von Kreislaufwirtschaft oder Lebenszyklusanalysen. Unser Ziel ist es, diese umfangreichen Expertisen im Unternehmen zu bündeln und nach außen sichtbar und verständlich darzustellen. Deshalb wollen wir als Team „Produktion und Fertigung“ in Zukunft stärker auf Messen, Konferenzen oder Veranstaltungen präsent sein. Die JOANNEUM RESEARCH arbeitet bereits aktiv in fachspezifischen nationalen und internationalen Gremien und Clustern mit. Hier wollen wir uns noch deutlicher positionieren und Synergien nutzen, indem wir Inhalte unternehmensübergreifend abstimmen und durch die in den Gremien und Clustern verankerten Personen fokussiert transportieren.
Stichwort Internationalisierung – gibt es hier Schwerpunkte?
Cozzi: Eine wichtige Region ist zum Beispiel Norditalien. Bereits 2018 haben wir mit der Universität Udine eine strategische Kooperation unterzeichnet, die zu gemeinsamen Projekten und der Durchführung von Doktorarbeiten in unseren Laboren für additive Fertigung geführt hat. In den Folgejahren wurden Partnerschaften mit dem Innovationssystem Südtirols intensiviert, insbesondere mit der Freien Universität Bozen und dem NOI-Techpark. Seit 2024 ist JOANNEUM RESEARCH Mitglied des Innovationsverbunds SMACT im nordöstlichen Italien, als einziges nicht-italienisches
Forschungsinstitut. Dies ermöglicht uns die Zusammenarbeit mit zahlreichen innovativen Unternehmen in einer der technologisch fortschrittlichsten Regionen Europas.
Trog: Wir müssen uns an der Weltspitze orientieren. Regionen wie die Niederlande oder Flandern zeigen, wie man in bestimmten Nischen Weltführer sein kann. Mit diesen Regionen sollen wir zusammenarbeiten und lernen.
Wo sind die Stärken der JOANNEUM RESEARCH?
Cozzi: Unsere Stärken liegen in der interdisziplinären Expertise und der Fähigkeit, maßgeschneiderte Lösungen für die Industrie zu entwickeln. Im Bereich Produktion und Fertigung zeichnen wir uns durch Spitzenforschung in den Bereichen Oberflächentechnologien, Photonik, additive Fertigung und kollaborative Robotik aus. Unsere Labore ermöglichen zum Beispiel präzise Fertigungs- und Analysetechnologien im Mikro- und Nanometermaßstab. Wir konzentrieren uns auf Nischen wie funktionalisierte Oberflächen, Laser- und Plasmatechnologien sowie nachhaltige Produktionsprozesse, die ressourcenschonend und klimafreundlich sind.
Trog: Genau, Interdisziplinarität ist unsere große Stärke. Wir sind thematisch sehr breit aufgestellt. Genauso wichtig ist es, sich auch auf einige exzellente Nischen besonders zu konzentrieren und hier noch stärker zu werden. In nationalen und internationalen Kooperationen wie EU-Projekten, sind wir ein geschätzter und stabiler Partner, oft über viele Jahre hinweg. Wichtig für die Zukunft wird es sein, uns stärker auf die Verwertung durch Überleitung unserer Forschungsergebnisse in Produkte und Dienstleistungen zu konzentrieren.
Blicken wir in die Zukunft. Was wird den Produktionsstandort Österreich in 20 Jahren ausmachen?
Cozzi: Österreich wird als Produktionsstandort eine Vorreiterrolle in der Hightech-Fertigung einnehmen, angetrieben durch künstliche Intelligenz, Cybersicherheit, Digitalisierung und Nachhaltigkeit.
Trog: Derzeit stecken wir aber in einer tiefen Krise. Wir haben uns zu sehr auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausgeruht und übersehen, dass andere Regionen auf der Welt aufgeschlossen haben. Wir müssen uns für die Zukunft wieder die Weltspitze in wenigen ausgewählten Nischen erarbeiten. Nachhaltigkeit ist so ein wichtiges Thema und das wird es bleiben. Das zu verleugnen ist ein Fehler, denn eigentlich ergeben sich daraus neue Chancen, wie man Dinge anders und besser machen kann. Und das ist Innovation! Wir müssen aber schneller werden und handeln.
Cozzi: Additive Manufacturing wird noch schnellere und bessere Produktionsmöglichkeiten bieten. Und Cybersicherheit ist entscheidend, um die Resilienz digitaler Produktionssysteme zu gewährleisten und Cyberbedrohungen abzuwehren. Nicht zuletzt wird KI die Produktion revolutionieren, indem sie Prozesse durch prädiktive Analysen, digitale Zwillinge und autonome Systeme optimiert.
Werden unsere Fabriken in Zukunft „Dark Factories“ sein, also menschenleer?
Cozzi: Das ist nur in bestimmten Sektoren realistisch. „Dark Factories“ könnten in standardisierten Bereichen wie der Elektronikfertigung an Bedeutung gewinnen, aber in maßgeschneiderter Fertigung oder Forschung bleibt menschliche Expertise unerlässlich. Ethische, soziale und wirtschaftliche Aspekte erfordern eine ausgewogene Strategie, bei der KI und Cybersicherheit die Produktivität steigern, aber den Menschen unterstützen, anstatt ihn zu ersetzen. Insbesondere in komplexen oder kreativen Prozessen wird der Mensch zentral bleiben.
Trog: Der Einsatz von KI steht gerade erst am Anfang. Wir müssen in vielen Bereichen erst herausfinden, wo sie uns ein wirklich nützliches Werkzeug ist und wo sie nur ein Hype bleibt. Ich bin davon überzeugt, dass es Dinge gibt, die nur Menschen können: Etwa wenn es um komplexe und kreative Prozesse geht wie Verkauf, Forschung und Entwicklung sowie Design von Produkten. Besonders wichtig wird die Ausbildung sein. Es gilt, die großen Trends zu erkennen und junge Leute dem entsprechend auszubilden.
Interview: Petra Mravlak
JOANNEUM RESEARCH: Geschäftsfeld Produktion und Fertigung