Machtverschiebungen in der Weltpolitik, Krieg in der Ukraine und durch den Klimawandel verstärkte Extremwetterereignisse: Die Welt hat sich innerhalb weniger Jahre radikal gewandelt und Sicherheits- und Verteidigungsforschung gewinnt zunehmend an Bedeutung. Wir haben uns mit Alexander Almer, Koordinator des Geschäftsfelds Sicherheit und Verteidigung der JOANNEUM RESEARCH, über die aktuellen Entwicklungen unterhalten.
Was sind die größten Bedrohungen für die Sicherheit in Österreich?
Almer: Es gibt eine starke Zunahme an hybriden Bedrohungen. Also der koordinierte Einsatz von Methoden der illegitimen Einflussnahme durch staatliche oder nicht-staatliche Akteur*innen. Beispiele hierfür sind Cyberattacken etwa auf kritische Infrastruktur, die Behinderung demokratischer Entscheidungsprozesse durch massive Desinformationskampagnen oder die Nutzung sozialer Medien zur Beeinflussung des politischen Narrativs. Der Bereich Cybersicherheit und Cyberkriminalität wird vom Bundesministerium für Inneres (BMI) und dem Bundesheer abgedeckt. In Bezug auf das Katastrophenmanagement sind die österreichischen Feuerwehren und das Rettungswesen sehr gut aufgestellt. Unsere Feuerwehren sind weltweit einzigartig. Von der technischen Seite aus betrachtet benötigen aber sowohl Feuerwehren als auch das Bundesheer mehr Assistenzunterstützung. Und hier kommt die JOANNEUM RESEARCH ins Spiel: Wir arbeiten eng mit dem Innenministerium und den Feuerwehren zusammen, um genau solche Assistenzsysteme zu entwickeln.
Was kann man sich darunter vorstellen?
Almer: Aktuell arbeiten wir zum Beispiel an Projekten im Bereich UAVs (unmanned aerial vehicles) und UGVs (unmanned ground vehicles). Ein großes Projekt, das aus dem European Defense Fund finanziert wird, dreht sich um den Aufbau autonomer Strukturen für die Evakuierung von Verletzten durch Fahrzeuge und Drohnen aus dem Gelände. Dabei gilt es zunächst aus der Luft Verletzte zu detektieren und sie dann zu Lande oder über den Luftweg mittels autonomer Fahrzeuge abzuholen. Zusätzlich geht es um den Einsatz von Biosignalsensoren, die der Einsatzzentrale den Gesundheitszustand von Verletzten übermitteln. In einem anderen, zivilen Projekt beschäftigen wir uns mit der Optimierung des Zusammenspiels zwischen UAVs, UGVs und den Einsatzteams bei Feuerwehreinsätzen. Da hat man autonom agierende Luft- und Bodenfahrzeuge und verschiedene Einsatzteams. Es wird zum Beispiel eine Drohne losgeschickt, die Informationen liefert. In der Einsatzzentrale dienen die gewonnenen Daten dann als Entscheidungsgrundlage für das weitere Vorgehen – etwa ob ein unbemanntes Fahrzeug zum Einsatzort geschickt wird oder ob tatsächlich Menschen benötigt werden. Diese können dann wiederum auf jene Infos zugreifen, die die Systeme in der Luft und am Boden bereits erarbeitet haben. So könnten Einsatzkräfte dann schon mit dem geeigneten Equipment und der notwendigen Anzahl an Personen zum Einsatzort gelangen und die Situation bereinigen. Dieses intelligente Zusammenspiel bedeutet, dass jedes einzelne Modul (teil-)autonom arbeiten muss und die Drohnen bzw. Fahrzeuge müssen so intelligent sein, dass sie sich in einem vordefinierten Bereich eigenständig zurechtfinden und zugeordnete Aufgaben erfüllen können.
Sie sind Koordinator des Geschäftsfelds Sicherheit und Verteidigung in der JOANNEUM RESEARCH, was sind Ihre Aufgaben?
Almer: Es geht darum, umfangreiche und komplexe Aufgabenstellungen im zivilen und militärischen Bereich durch enge Kooperation mit wesentlichen Stakeholdern zu definieren und das vorhandene Know-how in den Instituten der JOANNEUM RESEARCH darauf abgestimmt zu entwickeln. Die Entwicklungsthemen erfordern eine Einbindung der Expertisen aller Institute, wobei einzelne Themenbereiche spezifische Spezialisierungen erfordern. Sicherheit und Verteidigung ist grundsätzlich ein staatlicher Auftrag, der die militärische Landesverteidigung, innere Sicherheit sowie den Zivil- und Katastrophenschutz umfasst. Daher ist es eine Herausforderung, ein umfassendes Kompetenznetzwerk mit internationalen, nationalen und regionalen Akteur*innen aufzubauen und strategisch weiterzuentwickeln, um künftige Herausforderungen und Forschungsschwerpunkte zu definieren. Eine enge Kooperation mit dem Bundesministerium für Landesverteidigung (BMLV) und dem BMI bildet dabei die zentrale Grundlage. Für die Umsetzung von Forschungsprojekten ist es zudem erforderlich, die nationale und europäische Förderlandschaft genau zu kennen. Neben den nationalen Programmen wie KIRAS/K-PASS und FORTE, die vom Bundesministerium für Finanzen (BMF) unterstützt werden, sind auf europäischer Ebene die Horizon-Europe-Programmlinie „Zivile Sicherheit für die Gesellschaft“ sowie der European Defence Fund (EDF) und die European Defence Agency (EDA) von Bedeutung. Die Definition militärischer Projekte erfordert eine enge Abstimmung mit dem BMLV auf Basis der Verteidigungsforschungsstrategie, um langfristige Zielsetzungen zu verfolgen.
Welche Themen deckt die JOANNEUM RESEARCH im Bereich Sicherheit und Verteidigung ab?
Almer: Das sind zum einen technologische Entwicklungen wie Assistenzsysteme, (teil-)autonome boden- und luftgestützte Systeme, Cybersecurity, Kommunikations-, Sensor- und Simulationstechnologien sowie KI-gestützte Methoden der Bildanalyse und kooperative Managementansätze mit (teil-)autonomen Systemen. Ebenso spielen Materialentwicklungen, medizinische Wundversorgung und Vitalmonitoring auf Basis von Bio-Sensorlösungen eine Rolle. Komplexe sicherheitsrelevante Lösungen erfordern dabei multidisziplinäre Ansätze und die Zusammenführung verschiedener Technologien. Eine besondere Herausforderung ist beispielsweise die (teil-)autonome Evakuierung verletzter Personen, die aktuell in einem vom EDF geförderten internationalen Projekt umgesetzt wird. Eine besondere Bedeutung kommt dem Katastrophenschutz und dem Schutz kritischer Infrastrukturen zu. Auf nationaler Ebene sind hier die Katastrophenschutzabteilungen der Bundesländer zuständig, wobei bei Katastrophensituationen eine enge Abstimmung mit dem BMI und dem BMLV erfolgt. Ziel ist es, institutsübergreifende Kompetenzen zu bündeln und in Kooperation mit Stakeholdern innovative Assistenz-, Management- und Prognosesysteme zu entwickeln.
Welche Themen werden in Zukunft verstärkt an Bedeutung gewinnen?
Almer: Künstliche Intelligenz ist ein Querschnittsthema, das in den meisten Bereichen, die in der Sicherheits- und Verteidigungsforschung relevant sind, eine Rolle spielt. Bei KI sind wir intensiv dran und wir haben uns im Unternehmen schon eine hohe Kompetenz bei diesem Thema erarbeitet. Das absolute Zukunftsthema ist Quantentechnologie, da machen wir erste Schritte. Das Potenzial ist sowohl im militärischen als auch im zivilen Sicherheitsbereich extrem hoch. Es geht dabei aber nicht nur um die Quantenkryptologie, also die Kommunikationssicherheit, sondern auch um die Sicherheit in der Navigation: Denn durch Jamming und Spoofing können Signale so verfälscht werden, dass Positionen, die auf GPS oder Galileo basieren, nicht mehr korrekt sind. Und dies würde viele Anwendungen ad Absurdum führen.
Interview: Petra Mravlak
Mehr Infos
- JOANNEUM RESEARCH: Geschäftsfeld Sicherheit und Verteidigung
- Bundesministerium für Inneres (BMI)
- Bundesministerium für Finanzen (BMF)
- Bundesministerium für Landesverteidigung (BMLV)
- Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft
- European Defence Fund (EDF)
- European Defence Agency (EDA)
- KIRAS / K-PASS Sicherheitsforschung
- FORTE
- Horizon Europe