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Insights: Das Institut für Klima, Energiesysteme und Gesellschaft

Corporate Communications zu Gast am Institut LIFE im Grazer Science Tower: Wir haben uns mit Institutsdirektor Franz Prettenthaler über Klimawandelskeptiker*innen und Vertrauen, E-Autos und Verbrenner sowie über China und die Dringlichkeit zu handeln unterhalten.

Franz Prettenthaler, Direktor des Instituts LIFE im begrünten Dachgarten des Science Towers.

Franz Prettenthaler, Direktor des Instituts LIFE, im begrünten Dachgarten des Science Towers in der Smart City in Graz. Foto: JOANNEUM RESEARCH/Bergmann

Können wir die Klimaziele noch erreichen?

Prettenthaler: Wenn man vom Pariser Abkommen mit dem 1,5 °C-Ziel ausgeht, dann ist die Antwort „nein“. Wir werden es zunächst überschreiten. Wir können es aber noch erreichen, wenn dieses Überschreiten nur temporär ist. Das setzt allerdings voraus, dass wir künftig ausreichende Schritte zur Dekarbonisierung gesetzt haben und Technologien zur Entfernung von CO2 aus der Atmosphäre haben. Wenn wir uns nicht zu viel Zeit lassen, lässt sich das Klima hoffentlich wieder stabilisieren, sodass die globalen Durchschnittstemperaturen wieder leicht zurückgehen auf ein einigermaßen verträgliches Niveau von ungefähr 1,5 °C. Die starke Erwärmung im Jahr 2024 ist zum Teil dem Wetterphänomen El Nino geschuldet, sie ist aber auch ein Vorgeschmack auf das, was noch kommen wird. Denn das Klima der nächsten 20 Jahre haben wir schon gemacht. Umso dringlicher müssen wir auf konsequente Treibhausgasreduktion achten, weil jedes 100stel Grad konkrete Menschenleben rettet. Der Klimawandel führt zu mehr Wetterextremereignissen. Die große Zahl an Toten, die wir heuer dadurch zu beklagen haben – egal ob durch Überschwemmungen oder Hitzewellen – wird der Normalfall der nächsten Jahre sein.

Was sagen Sie jemandem, der davon überzeugt ist, dass es den menschengemachten Klimawandel nicht gibt und die gesetzten Maßnahmen uns unserer Freiheit berauben?

Prettenthaler: Jemand der die Realität nicht zur Kenntnis nimmt, gefährdet in erster Linie sich selbst. Etwa wenn nicht beachtet wird, dass es am Abend noch 38 °C hat, wie heuer in Kroatien. Die Sorge, dass durch Klimaschutz unsere individuelle Freiheit eingeschränkt wird, muss man sehr ernst nehmen. Man kann das Design der Transformation so gestalten, dass es Wahlfreiheit gibt, sodass man das, was sich die Menschen wünschen und das, was technisch notwendig ist, nach Möglichkeit zusammenbringt: Dass man auf die Usability schaut und dass man nicht von oben herab Technologien vorgibt, sondern dass man schaut, welche Technologien sich wie durchsetzen und man Hindernisse aus dem Weg räumt. Wir wissen, dass 80% der Menschen mehr Klimaschutz wollen. Diese 80% haben aber keine gemeinsame politische Vertretung und deshalb hat es immer den Anschein, dass „die anderen“ nicht wollen. Warum sollte man dann selbst etwas tun? Ich denke, dass man manche Kommunikationsschritte sehr behutsam setzen muss. Ganz wichtig in diesem Zusammenhang ist Vertrauen. Wer vertraut wem beim Thema Klimapolitik.

Wem vertrauen Klimawandelskeptiker*innen?

Prettenthaler: Von Deutschland wissen wir aus eigenen Arbeiten, dass es weniger als 10% der Menschen sind, die glauben, dass es keinen menschengemachten Klimawandel gibt, und „die da oben“ sie nur anlügen würden. Wir wissen aber aus Befragungen, dass diese Leute innerhalb der Familie und im Freundeskreis sehr wohl vertrauen. Das erklärt zudem, warum sie für Fehlinformationen auf Social Media so empfänglich sind, weil die „alternativen Fakten“ ja von scheinbaren Freunden und Bekannten kommen. Interessanterweise sind Wissenschafter*innen bei Klimawandelskeptiker*innen trotzdem noch mit einem gewissen Vertrauenslevel ausgestattet.

Womit beschäftigt sich das Institut LIFE aktuell?

Prettenthaler: Unsere Forschung dreht sich um zentrale Fragen rund um Klima-, Energie- und gesellschaftliche Systeme. Wir helfen Unternehmen bei der Transformation hin zur Klimaneutralität und unterstützen sie beispielsweise beim Erstellen ihrer Berichte im Rahmen der europäischen Berichtspflichten zur Nachhaltigkeit. Dabei geht es zum einen um die Auswirkungen ihrer Tätigkeiten auf das Klima und zum anderen um die Zukunftsfähigkeit der jeweiligen Geschäftsmodelle angesichts der sich verändernden Klimarisiken. Das Berichtswesen muss ja nicht von jeder Branche und jedem Unternehmen neu erfunden werden, man kann robuste Herangehensweisen finden und von anderen lernen, um damit gut umgehen zu können. Wir bieten hier das Modell der Preferential-Business-Partnerschaft an, bei dem wir auch trotz großer Auslastung für unsere Partner ein gewisses Ausmaß an Stunden reservieren.

Woran wird noch geforscht?

Prettenthaler: Wir koordinieren das europäische Forschungsprojekt Invest4Nature, dabei geht es um die Finanzierung von naturbasierten Lösungen: Maßnahmen wie (Bauwerks)begrünung oder naturbasierte Hochwasserschutzmaßnahmen sind sehr kosteneffizient. Derzeit tritt hier hauptsächlich die öffentliche Hand als Finanzgeber auf. Wir haben nun auf internationaler Ebene private Investoren befragt, was passieren muss, damit solche Investitionsprojekte auch attraktiv für private Kapitalgeber werden können. Im Projekt CircEl-Paper nehmen wir die Kreislauffähigkeit von Leiterplatten auf Zellulosebasis, die bei MATERIALS entwickelt werden, unter die Lupe. Am Standort in Kärnten befassen wir uns mit Verkehrsmodellierung: Unser LIFE Mobility Model bildet Kärnten und seine Bevölkerung mit allen relevanten sozioökonomischen Faktoren ab. Dafür wird auch die Nachfrage nach unterschiedlichen Mobilitätsarten erhoben. Weitere Themen sind Green Finance, die sozialen Aspekte des Klimawandels und Gesundheitsgefährdung im Klimawandel.

Wie steht es in Österreich um den Klimaschutz?

Prettenthaler: Wir haben schon viel erreicht, etwa beim Ausbau der erneuerbaren Energie und wir haben tatsächlich das 2. Jahr in Folge die Treibhausgasemissionen verringert. Insbesondere im Verkehrssektor bedarf es aber wesentlich weiterer Maßnahmen: Den Ausbau des öffentlichen Verkehrs, aktive Mobilität, aber auch den konsequenten Ausbau der Elektromobilität, wo es auch um Usability geht. Diese Transformation muss auch infrastrukturseitig vorangetrieben werden. In jenen Bereichen in denen eine CO2-Reduktion nicht kostengünstig oder gar nicht möglich ist, wie in der Zementindustrie, sollte das Thema Carbon Capture and Storage ernsthaft angegangen werden. Bei PKW ist allerdings die Vermeidung der CO2-Emissionen durch E-Fahrzeuge die günstigere und vernünftigere Variante. Die manchmal als Lösung angeführten E-Fuels sind nicht günstiger als das Beibehalten der alten Technologie plus Carbon Capture and Storage. Die Kapazitäten für das Abscheiden und unterirdische Lagern von CO2 sind begrenzt und es ist eine sehr teure Maßnahme. Hier gilt es aufzupassen, dass diese Kosten nicht vergesellschaftet werden und die Allgemeinheit dafür aufkommen muss.

Ist es möglich, dass beim Klimaschutz komplett zurückgerudert wird, wenn sich die politische Situation ändert?

Prettenthaler: Das Thema Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Europa muss man bei der grünen Transformation natürlich immer mitdenken, aber das ist ohnehin unser Credo. Ändert sich die politische Situation, so wird es da und dort andere Akzentuierungen geben. Aber niemand unserer Industriepartner stellt die Notwendigkeit, die Sinnhaftigkeit und die Dringlichkeit der Transformation zur Klimaneutralität in Frage. Kein Profi stellt das in Frage.

Wo werden wir in 10 Jahren stehen?

Prettenthaler: China macht es uns vor, es ist aktuell die sich am schnellsten elektrifizierende Volkswirtschaft der Welt. Die CO2-Emissionen aus der Stromerzeugung aus Kohle sind 2 Quartale in Folge gesunken, weil beim Ausbau der Erneuerbaren riesengroße Fortschritte erzielt wurden. Das Ziel, das China sich bis 2030 vorgenommen hat, wurde heuer bereits erreicht. Generell wird in den nächsten 10 Jahren die Elektrifizierung weiter voranschreiten. Elektromobilität ist hocheffizient, Strom wird zu nahezu 100% in Bewegungsenergie umgewandelt. Der Wirkungsgrad ist so viel besser als bei Verbrennungsmotoren, sodass Elektromobilität aus wirtschaftlichen Gründen eine wesentlich größere Rolle spielen wird. Dasselbe gilt im Heizungsbereich: Wärmepumpen sind äußerst effizient und sie sind in der Lage auch zu kühlen. Der Kühlenergiebedarf wird bald so groß sein, wie der Heizenergiebedarf. Eins ist klar, die Industrie transformiert sich und wird in 10 Jahren schon die Hälfte der Emissionen eingespart haben, niemand der mit beiden Beinen in der Wirtschaft steht und in die Zukunft blickt, ignoriert den Klimawandel.

Interview: Petra Mravlak

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