Starkregen, gesättigte Böden und Hangrutschungen beschäftigen Österreich immer häufiger. Innerhalb weniger Stunden können Straßen unpassierbar werden, Bahnstrecken ausfallen oder Siedlungen gefährdet sein. Wie groß die Auswirkungen solcher Extremereignisse sein können, zeigt ein Blick in die Vergangenheit: Nach mehrtägigen Starkregen wurden im Raum Feldbach im Jahr 2009 mehr als 3.000 Rutschungen und Hangmuren dokumentiert. (Quelle: ORF Steiermark, aufgerufen am 3.9.2026) Beim Starkregenereignis im August 2023 wurden in der Steiermark 935 Hangrutschungen gemeldet; allein für Sofortmaßnahmen zur Beseitigung der Schäden stellte das Land 12,1 Millionen Euro bereit. (Quellen: ORF Steiermark und Land Steiermark, aufgerufen am 3.9.2026) Bisherige Gefahrenkarten zeigen zwar, wo Rutschungen grundsätzlich möglich sind – die aktuelle Wettersituation berücksichtigen sie jedoch kaum.
Genau hier setzt das Forschungsprojekt ALaDyn – Assessment of Landslide Risk in Dynamic Environments an. Gemeinsam mit dem Institut für Geografie und Raumforschung der Universität Graz sowie Lugitsch & Partner Ziviltechniker GmbH entwickelt das Forschungsteam um Margit Kurka dynamische Modelle, die Wetterprognosen, Fernerkundungsdaten und geologische Informationen kombinieren. Ziel ist es, Behörden, Infrastrukturbetreiber und Raumplaner künftig mit präziseren Entscheidungsgrundlagen bei der Bewertung von Hangrutschungsrisiken zu unterstützen.
„Bisher arbeiten wir meist mit statischen Gefahrenkarten. Sie zeigen, wo Rutschungen grundsätzlich wahrscheinlich sind. Im Projekt ALaDyn nähern wir uns nun erstmals der Frage an, wann und wo das Risiko besonders hoch ist“, erklärt Projektleiterin Margit Kurka, Senior Scientist und Leiterin des Bereichs Geologie und Naturgefahren bei JOANNEUM RESEARCH DIGITAL.
Grundlage dafür sind historische Rutschungsereignisse, Wetterdaten, Satelliteninformationen sowie geo(morpho)logische und topografische Daten. Daraus entstehen dynamische Gefahrenkarten, bei denen sich die Gefährdungsbewertung mit jeder neuen Wetterprognose aktualisiert. Dieser Ansatz wird in zukünftigen Projekten ausgebaut.
Ein digitaler Zwilling für Naturgefahren
Im Forschungsprojekt AlaDyn wird die Rutschungsgefährdung unter Einbeziehung von Niederschlagsereignissen bewertet; das Projekt ist Teil der österreichischen Initiative Digitaler Zwilling Österreich. Dafür werden Wettervorhersagen des Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersage (ECMWF) mit Geländemodellen, Geologie, Landnutzung und weiteren Geodaten verknüpft. So entsteht ein laufend aktualisiertes Bild der aktuellen Hangrutschungsgefährdung.
Prototyp statt Frühwarnsystem
Bis Ende 2026 entsteht eine Web-Applikation (App), welche die aktuelle Gefährdung im Projektgebiet visualisiert. Es handelt sich um einen Forschungsprototyp und noch nicht um ein operatives Frühwarnsystem. Gemeinden, Katastrophenschutz, Landesgeologie, Straßenverwaltungen sowie Infrastrukturbetreiber wie die ÖBB werden bereits während der Entwicklung eingebunden. Workshops und Interviews stellen sicher, dass sich die Anwendung am tatsächlichen Informationsbedarf orientiert. „Eine dynamische Karte kann Entscheidungen besser unterstützen, weil sie nicht nur die grundsätzliche Gefährdung abbildet, sondern auch die aktuelle Wettersituation berücksichtigt. Entscheidend bleibt aber die Qualität der Daten – und besonders eine genaue Dokumentation, wann und wo Rutschungen tatsächlich stattgefunden haben“, sagt Kurka.
Forschung für die Anpassung an den Klimawandel
Mit dem Klimawandel nehmen intensive Niederschlagsereignisse tendenziell zu. Starkregen kann Böden innerhalb kurzer Zeit stark durchnässen und dadurch die Gefahr von Hangrutschungen erhöhen. Ob ein Hang tatsächlich in Bewegung gerät, hängt jedoch auch von seiner geologischen Beschaffenheit, der Bodenfeuchte, der Vegetation, der Nutzung des Geländes und vielen anderen Faktoren ab.
„Der Klimawandel verändert nicht unbedingt unsere Modellierungsmethoden, jedoch die Trainingsdaten, mit denen wir arbeiten. Dadurch verändern sich auch die Ergebnisse. Genau deshalb brauchen wir Modelle, die laufend mit aktuellen Informationen arbeiten können“, so Kurka.
Langfristig sollen die entwickelten Methoden auch auf weitere Naturgefahren wie Steinschlag oder tiefreichende Hangbewegungen übertragen werden. Parallel arbeitet das Forschungsteam bereits an neuen Projekten, in denen zusätzlich hochauflösende Wetterdaten, Bodenfeuchte, Reichweiten von Rutschungen oder KI-gestützte Modellierungsansätze untersucht werden sollen.
Interdisziplinäres Team
Das Projekt ALaDyn vereint Expertisen aus Geologie, Fernerkundung, Geoinformatik und Softwareentwicklung. Das Projektteam von JOANNEUM RESEARCH DIGITAL besteht aus:
Margit Kurka (Projektleiterin, Geologin und Expertin für Naturgefahren), Hanna Bambizava (Geografie, Programmierung und Softwareentwicklung), Lena Werber (Geologie), Robert Hairston-Porter (Geologie, Geodatenanalyse und Fernerkundung), Andreas Wimmer (Softwareentwicklung) sowie Konsult Herwig Proske.
Fakten
- Projekt: ALADYN – Assessment of Landslide Risk in Dynamic Environments
- Laufzeit: Jänner 2025 bis Juni 2027
- Leitung: JOANNEUM RESEARCH DIGITAL, Margit Kurka
- Partner: Universität Graz; Lugitsch & Partner Ziviltechniker GmbH
- Förderung: Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft FFG
- Region: Südsteiermark / Südoststeiermark
- Beteiligte: Geografie und Raumforschung der Universität Graz: Manuela Hirschmugl, Christian Bauer, Lisa Bieringer
- Beteiligte: Lugitsch und Partner: Christoph König und Andrea Rohla
Zur Person: Margit Kurka
Margit Kurka leitet seit März 2025 den Bereich Geologie und Naturgefahren bei JOANNEUM RESEARCH DIGITAL, welchen sie von Herwig Proske übernommen hat. Die technische Geologin studierte an der Universität Wien und absolvierte einen Master in Geographic Information Science and Systems an der Universität Salzburg mit Schwerpunkt Fernerkundung und InSAR-Analysen. Ihre berufliche Laufbahn führte sie zunächst für acht Jahre in die USA, wo sie an großen Infrastrukturprojekten sowie an geotechnischen und forensischen Fragestellungen arbeitete. Nach ihrer Rückkehr nach Österreich war sie als Ingenieurgeologin, Gutachterin und Unternehmerin tätig und forschte anschließend an der Universität Graz zu Naturgefahren und künstlicher Intelligenz. Heute verbindet sie ihre langjährige Praxiserfahrung aus der Ingenieurgeologie mit Forschung zu Fernerkundung, digitalen Zwillingen und der Modellierung von Naturgefahren.