Der Weltraum ist längst nicht mehr nur Schauplatz wissenschaftlicher Neugier oder geopolitischer Prestigeprojekte. Vielmehr ist er heute ein sicherheitspolitisch hochrelevanter Raum. Satellitenkommunikation, Erdbeobachtung und Navigationssysteme bilden das Rückgrat vieler kritischer Infrastrukturen – im zivilen wie im militärischen Bereich. Parallel dazu steigen Komplexität, Vernetzung und auch die Risiken.
1957 brachte die Sowjetunion mit Sputnik 1 den ersten Satelliten ins All – ein historisches Ereignis im Kontext des Kalten Kriegs. Die USA folgten 1962 mit Telstar 1, dem ersten operationellen Nachrichtensatelliten. Seither hat sich die Technologie im Weltall rasant weiterentwickelt: Von wenigen geostationären Satelliten hinzu sogenannten Megakonstellationen mit Tausenden erdnahen Kleinsatelliten. Diese Entwicklung lässt sich auch in Zahlen fassen: Waren 1970 etwa ein paar Hundert Satelliten in Betrieb, stieg die Zahl bis 2010 auf rund 15.000. Heute – Stand Anfang 2025 – kreisen fast 40.000 aktive Objekte um die Erde. Ein aktuelles Lagebild liefert die Plattform sky.rogue.space, die Position und Bahndaten visualisiert.
Infrastruktur aus dem Orbit
Satellitendienste wie skyDSL (Eutelsat) oder Starlink (SpaceX) stellen heute kontinentweiten Internetzugang bereit – auch in entlegenen oder krisengeprägten Regionen. Das bietet Chancen, stellt aber auch neue Anforderungen an Informationssicherheit, Schutz vor Abhören und Kommunikationssouveränität. Gerade in Katastrophenszenarien oder in Konfliktgebieten kann die satellitengestützte Kommunikation entscheidend für Notfallhilfe und Koordination sein. Gleichzeitig werden gezielte Störungen oder Angriffe auf Satelliten – etwa durch sogenannte Killersatelliten – als realistisches Bedrohungsszenario diskutiert. Auch die Trennung zwischen zivilen und militärischen Raumfahrtanwendungen wird zunehmend schwieriger.
Cyberbedrohungen aus dem All
Mit der wachsenden Abhängigkeit von Satellitendiensten steigt auch die Anfälligkeit für Cyberangriffe – sowohl auf die Satelliten selbst als auch auf ihre Bodeninfrastruktur. Bereits am 24. Februar 2022 zeigte ein Angriff auf das Satellitennetzwerk KA-SAT von Viasat, wie verwundbar selbst moderne Systeme sind: Die Kommunikationskanäle des ukrainischen Militärs wurden unterbrochen, zusätzlich waren rund 30.000 Modems in Europa betroffen – darunter auch Steuerungssysteme von Windkraftanlagen in Deutschland (Viasat Incident Report 2022). Solche Vorfälle verdeutlichen die sicherheitspolitische Bedeutung robuster Cyberabwehrstrategien im All. Bedrohungen reichen von GPS-Spoofing über Jamming bis hin zu gezielten Hacking-Versuchen auf Satelliten oder Bodenkontrollstationen.
JOANNEUM RESEARCH: Sicherheitsforschung mit Raumfahrtbezug
JOANNEUM RESEARCH engagiert sich aktiv im Bereich satellitengestützter Kommunikations- und Navigationslösungen und forscht daran seit 1978 – damals noch als Institut für Angewandte Systemtechnik. Schwerpunkte sind die Nutzung immer höherer Frequenzbänder, die Optimierung von Modulation und Kodierung, die Integration von künstlicher Intelligenz (KI) in Signalverarbeitung sowie experimentelle Validierung durch reale Satellitenverbindungen. Aufklärungsaufgaben mit hoher sicherheitsrelevanter Bedeutung lassen sich mit bestehenden Satellitensystemen wie den EU-Sentinel-Satelliten sowie mit Kleinsatelliten (CubeSats) umsetzen. JOANNEUM RESEARCH forscht seit Jahrzehnten an satellitengestützter Datenanalyse und entwickelt im Rahmen des EDF-Projekts IntSen² ein KI-basiertes Servicekonzept für die militärische Bildaufklärung (IMINT). Ziel ist ein automatisiertes, kontinuierliches Monitoring großer Flächen mithilfe hochauflösender Sentinel-Bilddaten. Kritische Objekte können dadurch effizient erfasst und ausgewertet werden.
Beispielhafte Projekte
Beispielhafte Projekte sind Alphasat Q-/V-Band auf der Grazer Hilmwarte, der Minisatellit W-Cube sowie mobile Satellitenkommunikationssysteme. Dabei steht heute zunehmend die Sicherheitsrelevanz im Fokus – etwa durch Beteiligung an Projekten im Rahmen des österreichischen Sicherheitsforschungsprogramms KIRAS. Der Kapazitätsbedarf zur Datenübertragung steigt zunehmend. Weltweit wird an neuen Datenhighways geforscht und man weicht zu immer höheren Frequenzen aus. Bei DIGITAL wertet man deswegen Satellitensignale bei 75 GHz aus, die von einem CubeSat aus 500 Kilometern Höhe empfangen werden. Durch die zunehmende Kommerzialisierung des Weltraums ergeben sich neue Herausforderungen und Chancen für die europäische Raumfahrtindustrie. JOANNEUM RESEARCH sieht sich als Bindeglied zwischen Wissenschaft, Industrie und staatlichen Institutionen, um den technologischen Fortschritt in diesem Bereich aktiv mitzugestalten. Der Weltraum ist kein isolierter Bereich mehr – er ist integraler Bestandteil sicherheitsrelevanter Infrastrukturen. Für Europa wie für Österreich heißt das: Technologische Souveränität, verlässliche Partnerschaften und innovationsgetriebene Forschung sind essenziell, um sowohl geopolitische Abhängigkeiten zu verringern als auch die Widerstandsfähigkeit gegen moderne Bedrohungen zu erhöhen.
Das IRIS²-Projekt
Um die technologische Unabhängigkeit Europas zu stärken, hat die EU das Programm IRIS² (Infrastructure for Resilience, Interconnectivity and Security by Satellite) gestartet. Die geplante Megakonstellation aus etwa 300 Satelliten in Multiorbit-Konfiguration soll sowohl zivile als auch militärische Zwecke erfüllen. Ziel ist es, resiliente Kommunikationskanäle für Behörden, Einsatzkräfte und kritische Infrastrukturen bereitzustellen – unabhängig von außereuropäischen Anbietern.
Von Elke Zenz