Das EU-Projekt FAIRWork bringt Mensch, KI und Roboter an einen Tisch – oder besser gesagt an die Produktionslinie. Statt Gewinnmaximierung steht das Wohlergehen der Mitarbeitenden im Fokus. Ein DIGITAL-Team der JOANNEUM RESEARCH sorgt dabei mit Hightech aus dem Human-Factors-Labor für die nötige Balance zwischen Effizienz und Empathie.
Technologie für den Menschen
Die EU-Initiative Industrie 5.0 klingt wie Zukunftsmusik, zielt aber auf eine ganz konkrete Veränderung ab: Technologie soll nicht mehr nur der Effizienzsteigerung dienen, sondern den Menschen stärken. Statt Gewinnmaximierung zählt das Wohlbefinden, statt Top-down-Entscheidungen geht es um Mitbestimmung – auch im Zusammenspiel mit künstlicher Intelligenz. Genau das nehmen sich die Forscher*innen für das europäische Forschungsprojekt FAIRWork (HORIZON EUROPE) vor. Unter der Koordination der Wiener BOC Products & Services AG arbeiten zahlreiche Partner zusammen: darunter JOANNEUM RESEARCH DIGITAL, Stellantis, flex sowie mehrere europäische Universitäten. Das Ziel: Entscheidungsprozesse in der industriellen Produktion menschlicher, demokratischer und vertrauensvoller zu gestalten – ganz im Sinne einer „Industrie mit Herz und Hirn“.
Stress am Fließband
Die Anforderungen in der Produktion steigen, und mit ihnen der Druck auf die Mitarbeitenden. Laut Arbeiterkammer gehen in Österreich rund 2,5 Millionen Krankenstandstage auf seelisch-stressbedingte Erkrankungen zurück. „Im Projekt FAIRWork begegnen wir dieser Entwicklung mit konkreten technologischen Lösungen“, erklärt Lucas Paletta, Leiter des Human-Factors-Labors bei DIGITAL. Ein Beispiel ist die automatisierte Analyse von Kalibrierzertifikaten, ein bislang manueller, fehleranfälliger und zeitraubender Prozess. Die neu entwickelte künstliche Intelligenz (KI) erkennt fehlende oder widersprüchliche Angaben in den Dokumenten und schafft so nicht nur Zeit, sondern auch Sicherheit. Die Mitarbeitenden müssen nicht mehr Datenberge durchforsten, sondern können sich wertschöpfenderen Aufgaben widmen. Das ist nicht nur effizient, das schützt auch die Nerven. Die KI übernimmt die Rolle einer Entscheidungsassistentin: Sie analysiert komplexe Produktionsdaten, erkennt Muster und schlägt auf dieser Basis kontextabhängige Handlungsoptionen vor – verständlich und nachvollziehbar für die Mitarbeitenden. Dabei bleibt die letzte Entscheidung stets beim Menschen – die KI soll unterstützen, nicht ersetzen.
Mit Fingerspitzengefühl
Lucas Paletta und Herwig Zeiner, Senior Researcher bei DIGITAL, leisten mit ihrem Team einen wichtigen Beitrag zum Projekt. Im Human-Factors-Labor wird mit moderner Wearable-Technologie und mit Biosignal-Trackern untersucht, wie sich Stress und Resilienz direkt in der Produktionsumgebung messen lassen. „Wir analysieren objektiv, wie Überlastung entsteht und wie Unternehmen durch gezielte Maßnahmen die Widerstandsfähigkeit ihrer Mitarbeitenden stärken können“, erklärt Lucas Paletta. „Das Ziel ist eine Arbeitswelt, in der sich Technologie den Menschen anpasst – nicht umgekehrt.“ Die Forschenden entwickelten Verfahren, um individuelle Belastungen sichtbar zu machen, ohne zu stigmatisieren. Die Erkenntnisse daraus fließen direkt in neue KI-Modelle ein, die Rücksicht nehmen können – etwa bei der Aufgabenverteilung in der Fertigung. So wird die Produktion der Zukunft nicht nur intelligenter, sondern auch menschlicher.
von Elke Zenz
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This work has been supported by the FAIRWork project (www.fairwork-project.eu) and has been funded within the European Commission’s Horizon Europe Programme under contract number 101069499. This paper expresses the opinions of the authors and not necessarily those of the European Commission. The European Commission is not liable for any use that may be made of the information contained in this paper.
